Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

21.04.2019

Steh auf!

„Steh auf, steh doch auf“, murmelt der Mann. Verzweifelt steht er am Grab seiner Geliebten, vor einigen Wochen wurde sie hier begraben. Das schildert der Schriftsteller Heinrich Böll in einer Erzählung. Es regnet, der Abend dämmert, das vor Kurzem noch frische Grab ist bereits eingefallen, der Grabschmuck welk und modrig, die Inschrift auf dem Kreuz verblasst. In dieser Trostlosigkeit spricht der Mann: „Steh auf, steh doch auf“ – und erschrickt, was er denn da gesagt hat. Als er sich hinunterbeugt, um die Blumen auf dem Grab zu richten, meint er plötzlich, einen Schatten hinter sich zu sehen. Vor Schreck lässt er die Blumen fallen, läuft zum Friedhofstor und stürmt in die beginnende Nacht hinaus. Er stolpert durch Pfützen über zerstörte Straßen vorbei an den Silhouetten zerbombter Häuser – die Geschichte spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der Mann fühlt sich verfolgt von einem immer größer werdenden Schatten, den er wie ein nasses, schwarzes Segel hinter sich herschleppt. Immer schwerer wird es, immer langsamer kommt er voran, bis ihn die Kräfte verlassen und er sich erdrückt fühlt von der Last seines Lebens, von der Last der Welt. Er kann nicht weiter, vornüber fällt er auf sein Gesicht und erwartet, dass das schwere Schattensegel ihn unter sich begräbt. Doch dann hebt er den Kopf, sieht die Ebene vor sich heller werden und nimmt dort die Gestalt seiner Geliebten wahr, die ihm zuruft: „Steh auf, steh doch auf.“ Und der Mann erhebt sich und geht auf sie zu.

Böll erzählt eine Geschichte, in der am Ende jemand die Hoffnung und die Kraft aufzustehen wiederfindet, gerade als er ganz unten am Boden liegt. Die Welt um ihn herum ist zerstört, kalt, abweisend wie eine tote Geisterwelt. Sein persönliches Glück, sein Leben scheinen dahin. Der Mensch, den er am meisten liebte, mit dem ein neues Leben möglich schien, ist tot. Angst und Trostlosigkeit packen ihn und werden ihm zur Last, die ihn niederdrückt. Er läuft, aber er kann nicht davonlaufen. Kein Ziel ist da, sondern das Ende. Doch da trifft ihn ein Funke Hoffnung, Licht in der Gestalt seiner Geliebten. „Steh auf“, ruft sie, und er kann aufstehen und dem Licht entgegengehen.

Eine moderne Auferstehungsgeschichte, die als Laufgeschichte erzählt wird, ein Weglaufen vor Angst und Schrecken, die das Leben selbst zu verbreiten scheint.

Aus Weglaufen wird Begegnung

Angst, Schrecken und Trauer spielen auch in der Laufgeschichte eine Rolle, die der Evangelist Johannes erzählt. In der Dunkelheit geht Maria von Magdala zum Grab Jesu. Vor allem das Dunkel ihrer eigenen Trauer und Hoffnungslosigkeit hält sie gefangen, da fährt ihr der Schreck in die Glieder: Der Stein ist weg! Sie läuft davon, läuft zu den anderen, um den Schrecken mit ihnen zu teilen. Auch sie laufen: Petrus und der Jünger, den Jesus besonders liebte. Sie laufen zum Grab, trauen sich kaum hinein und sehen: Das Grab ist leer; Tücher und Binden liegen ordentlich zusammengefaltet darin. Nur vom Jünger, den Jesus liebte, heißt es: „Er sah und er glaubte.“ Und doch hat sie alle an diesem Ostermorgen ein Hoffnungsfunke getroffen.

Es wird dauern, bis aus diesem Funken ein Feuer wird, langsam werden sie sich dem Verstehen und Glauben nähern, jede und jeder der ersten Zeuginnen und Zeugen wird da ganz eigene, unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse berichten: Maria, die anderen Frauen, Petrus, die anderen Jünger. Entscheidend dabei wird sein, dass aus den Laufgeschichten, in denen sie vor allem von Furcht und Schrecken getrieben sind, Begegnungsgeschichten werden, Begegnungsgeschichten, in denen ihnen jemand sagt: Komm, steh auf, steh doch auf. Sie werden lernen aufzustehen, nicht am Boden zu bleiben, oftmals in Situationen, in denen sie besonders ängstlich oder furchtsam, zweifelnd oder verzweifelt, mutlos oder ohne Zuversicht sind.

Auferstehung – Hoffnung auch heute

Feiertage wie das heutige Osterfest sind auch heute bisweilen Tage, an denen das Leben langsamer geht, an denen wir zur Ruhe kommen können und innehalten. Gerade die Feier der Gottesdienste bietet Gelegenheit dazu. Weltweit kommen da Menschen zusammen mit ihren ganz persönlichen Laufgeschichten. Da sind die, die weglaufen vor Krieg, Gewalt, Hunger, zerbombten Städten und Dörfern; da laufen Menschen und machen sich auf den Weg, weil sie dort, wo sie leben, keine Zukunftsperspektive sehen. Da laufen Menschen davon aus Angst, manchmal vor dem Tod, manchmal vor dem Leben. Es laufen Menschen vor dem Scheitern davon, andere vor dem Erfolg, der sie auslaugt und ausbrennt. Es laufen Menschen aus Beziehungen davon, die sie nicht mehr aushalten, oder vor sich selbst, weil sie es mit sich selbst nicht mehr aushalten. Da laufen Menschen aus ihren Träumen davon und fallen auf den Boden einer Wirklichkeit, die sie verzweifeln lässt.

Für sie und für alle anderen erzählen wir Christen heute, dass aus solchen Laufgeschichten Begegnungsgeschichten werden können. Das tut der Evangelist Johannes, wenn er den Jünger, den Jesus besonders liebte, angstvoll zum Grab laufen lässt, er aber dann doch sieht und vertraut und schließlich in der Begegnung mit dem Auferstandenen bekennen wird: „Es ist der Herr.“

Das tut Heinrich Böll, wenn in seiner Geschichte der vor dem Leben davonlaufende und am Boden liegende Mann seiner Hoffnungsgestalt begegnet und aufstehen kann.

Das will die Osterbotschaft erzählen, die Trauer, Angst, Zweifel und Verzweiflung sehr wohl ernst nimmt, aber dennoch nicht aufhört, von Begegnungsgeschichten zu erzählen, in denen es heißt: Steh auf, steh doch auf; du kannst es, du bist nicht allein, es gibt den Funken Hoffnung.

Damit ist nicht ein wenig glaubwürdiges „Auf einen Schlag wird alles wieder gut“ gemeint. Es hat lange gedauert damals, bis aus dem Hoffnungsfunken des Ostermorgens wirklich ein Feuer wurde – ein Feuer, das bis heute brennt. Auch Bölls aufgestandener Mann hatte wohl noch einen langen Weg vor sich, aber er geht ihn fortan mit Hoffnung und neuem Lebensmut. So erzählen wir heute einander und allen Menschen: Es kann dauern, bis ein Feuer daraus wird, aber mit Ostern ist ein Hoffnungsfunke in der Welt, und er ist nicht mehr totzukriegen, dieser Funke der Hoffnung auf ein neues Leben. Darum trau dich, wenn du hörst: Steh auf, steh doch auf!