Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

23.06.2019

„Religiös (un)musikalisch“?

„Omi, schau, dort geht meine Lehrerin, die mit Gott spricht“. Die Kleine zieht die Oma auf die andere Straßenseite. „Ich höre, Sie sprechen mit Gott?“ Die Lehrerin erklärt, wie sie die Kinder im Religionsunterricht zum Verständnis des Betens führt. Bei Lukas hat das Gebet oberste Priorität. Der betende Jesus ist in seinem Evangelium immer präsent: Jesus zieht sich zum Gebet zurück, verbringt die Nacht im Gebet vor der Erwählung der Zwölf, vor der Befragung der Jünger, in der dunklen Stunde im Garten Getsemani; er betet noch am Kreuz …

Die Jünger erleben dieses Beten. Als Juden beten sie selbstverständlich, aber Jesu Beten weckt ihre Sehnsucht, zu beten wie er: Herr, lehre uns beten. Lukas kann sich Nachfolge ohne Gebet nicht vorstellen. Nur betend können sich Menschen für den Glauben entscheiden, im Glauben leben oder in der Verfolgung bestehen.

Wir werden nicht verfolgt, in unserem Land werden wir eher als rückständig belächelt. Denn Glaube kommt im modernen Leben nicht vor. Die kirchlichen Riten aber wollen viele Menschen nicht missen, auch wenn ihnen der Inhalt fremd bleibt. Im Alltag leben sie so, als gäbe es Gott nicht. Und spirituell Suchende erwarten von der Kirche nichts. Was sie zur Befriedigung ihrer spirituellen Wünsche brauchen, meinen sie anderswo besser zu finden.

Das Evangelium fordert ein überzeugtes Bekenntnis, kein Bekenntnis „light“. Ein entschlossenes Bekenntnis steht der Welt der Starken ohne Ethik, Menschenrechte und Gerechtigkeit diametral gegenüber. Nur ein solches Bekenntnis macht uns zu Christen.

Immer mehr Menschen sagen, sie seien „religiös unmusikalisch“. Sie machen keine religiöse Erfahrung wie die Lehrerin, die mit Gott spricht. Wie auch, wenn in Familien nicht gebetet wird und gläubige Omas selten werden? Religiöse Erfahrung kann trotzdem geweckt werden. Ein Weg steht jedem Menschen offen: das „Schweigen“. Die Methode ist einfach: im Alltag bewusst einige Minuten innenhalten, über sich und sein Leben nachdenken … Wer es versucht, macht eine wertvolle Erfahrung: Er findet zu sich, wird ruhiger, gelassener, achtsamer, vernimmt vielleicht seine innere Stimme. Meister Eckhart hält Großes von diesen Momenten. Er sagt, der schweigende Mensch „ruht in der Gegenwart Gottes“.

Ich wählte diesen Weg letzthin für die Exerzitien im Alltag: eine halbe Stunde im gemeinsamen Schweigen, keine Bibelstellen, keine Gespräche, keine „Wahrheiten“, keine Hintergrundmusik. Wer das Schweigen nicht gewohnt war, reagierte zunächst ablehnend. Mit der Zeit empfanden es die Teilnehmer als Bereicherung, für manche wurde es zum Aha-Erlebnis. Schweigen (wenn möglich in einer Gruppe) kann eine „religiöse Erfahrung“ wecken. Menschen werden achtsamer, vielleicht dringen sie tiefer vor – vielleicht zu einem Bekenntnis.

Worte neu mit Leben füllen

„Lassen Sie das Credo aus?“ So fragen mit Unterton gelegentlich Gottesdienstbesucher von auswärts. Denn „meine“ Gemeinde hat gelernt, mit dem Credo sorgfältig umzugehen. Sie spricht es nicht jeden Sonntag in der philosophischen Sprache aus einer anderen Zeit, sondern oft in einer zeitgemäßen Umsetzung einzelner Aspekte. So wurde sie wach für den Reichtum des Bekenntnisses. Manche Mitfeiernde nehmen die neuen Texte mit, um sie zu Hause weiter zu meditieren.

Das einfache Bekenntnis des Petrus ist im Laufe der Zeit durch viele Formeln angereichert worden: Jesus, Sohn Gottes, Mensch geworden, Erlöser der Welt, Herr, Retter … In der Messe begegnen sie z.B. im Tagesgebet. Ich wette, kaum ein Messbesucher ist imstande zu sagen, wozu er Amen sagt. Die bedeutungsvollen Worte sind zu Leerformeln geworden. Kinder lernen diese Worte, aber sie sagen ihnen nichts. Sobald ihr Kinderglaube verloren geht, lassen sie den Glauben und die kirchliche Gemeinschaft hinter sich, weil sie nicht gelernt haben: Die Formeln und Bekenntnisse müssen mit persönlichem Leben gefüllt werden.

Die Anrede Herr fehlt im Gottesdienst nie. Im römischen Reich war der einzige Herr der Kaiser. Die Christen wagten entgegenzuhalten: Einziger Herr ist Jesus. Das heißt etwas! Heute ist jeder Mann ein Herr. Und es gibt viele Herren, die absoluten Gehorsam verlangen. Wer wagt es, denen zu widersprechen und damit seine eigene Existenz aufs Spiel zu setzen?

Petrus bekennt: Du bist der Christus Gottes. Für uns ist Christus ein Name geworden, niemand denkt an den „Messias“, den „gesalbten“ Anführer der Befreiung. Und doch erwarten viele einen „Messias“, der sie aus den aktuellen Problemen erlöst. Wir sagen Erlöser, Retter und Befreier – und denken „nur“ an die Befreiung von Sünden. Das ist wichtig, greift aber zu kurz: Es geht um eine „politische“ Dimension, deshalb galt in der frühen Kirche dieses Bekenntnis als staatsgefährdend. Würde es ernst genommen, wäre Erlöser, Retter, Befreier eine Absage an die Alleinherrschaft des globalen Marktes.

Wir sehen: Ein bloß rituelles Bekenntnis nährt und stört nicht. Ein Bekenntnis muss aus dem Herzen kommen. Wir müssen unsere Formeln „erden“, und zwar im Evangelium und zugleich im Leben, dann wird auch die Stimme der Christen und der Kirche von der Welt wieder gehört. Unsere turbulente, angstbesetzte Gegenwart braucht diese Stimme.

„In die Häuser“

Jesus hat „für sich allein“ gebetet, aber er war nicht allein. Für sich allein mussten die Jünger ihr Bekenntnis ablegen, aber sie sind nicht allein geblieben. Aus spärlichen Anfängen ist eine Weltkirche geworden. Heute allerdings gehen die Prognosen dahin, dass die Kirche in ihrer derzeitigen Form sterben wird. Sie muss sich in der Diaspora zurechtfinden und ruft zur „Neu-Evangelisierung“ auf, zur Verkündigung der Frohbotschaft wie am Beginn. Und wie in der Anfangszeit wachsen Initiativen, die das das Evangelium wieder „in die Häuser“ bringen.

Ein Domherr im spanischen Toledo staunte, als eine Gruppe aus Österreich im Dom Gottesdienst feierte ohne Texthefte für Lieder und Gebete. Die Leute „konnten“ beten, sie formulierten freie Gebete. Und anders als bei den gewohnten offiziellen Orationen wussten nun alle Mitfeiernden, wozu sie „Amen“ sagten. Dem war allerdings eine langjährige „Gebetsschule“ vorangegangen. Diese „Schule“ erreicht auch sogenannte Fernstehende, wenn zum Beispiel bei Taufen, Hochzeiten, Jubiläen oder Begräbnissen Angehörige zu einem freien Gebet angeleitet werden. Bei solchen Gebeten sind alle aufmerksam. Der Domherr von Toledo jedenfalls nahm sich vor, ebenfalls Gebetsschulen einzurichten.

Ähnliches geschieht mit der Bibel, der Quelle unseres Glaubens. Die evangelische Pfarrerin und ihr katholischer Amtskollege konnten das Aus ihrer jeweiligen Bibelkreise nicht verhindern. Gemeinsam kamen sie auf eine Idee: „Wir bringen die Bibel in die Häuser.“ Sie fingen an und luden Interessierte zuerst zu einem Landwirt ein. Dieser sprach nicht als Bibelkenner, sondern als Kenner seiner Arbeit. Die Anwesenden erinnerten sich an vergleichbare Stellen in der Bibel. Alle konnten mitreden. Mit der Zeit erweiterten sich Teilnehmerkreis, Themen und Orte. Es bildete sich ein Netz von Bibelkreisen, und Leute entdeckten die Bibel neu.

Sonntags bleiben trotz großen Aufwands viele Kirchenbänke leer. Da beschloss der Pfarrer, die Messe in die Häuser zu bringen. Die Hausmesse war ein Erlebnis. Manche bekannten, sie erlebten die Messe, als wären sie das erste Mal dabei. Es gab keine „Bibliothek“ für Gebete, keine einstudierte Predigt. Nicht der Pfarrer „zelebrierte“, sondern die Hausgemeinde. Und dann wurde gemeinsam gegessen. Bald konnte der Pfarrer den Einladungen nicht mehr nachkommen. Sogar der sonntägliche Messbesuch nahm zu.

Neu-Evangelisierung kommt auf den Weg, wenn der Geist unsere Kreativität wecken darf, wenn die Begabungen der Getauften zählen. Der Geist Jesu hilft, dass das Bekenntnis, das Petrus zuerst gesprochen hat, immer neue Anhänger findet und „von Herzen“ gesprochen wird. Sie sind „Salz“ und „Licht der Welt“.