Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

12.08.2018

Einen Wunsch frei

Haben Sie gestern Nacht auch in den Himmel geblickt? Nach Sternschnuppen Ausschau gehalten? Oder haben Sie diese seltene Gelegenheit verpasst? Denn gestern Nacht war Sternschnuppennacht. Das heißt, die Perse-iden, ein jährlich wiederkehrender Meteorstrom, haben in der Nacht zum 12. August ihr Aktivitätsmaximum erreicht – ein regelrechtes Sternschnuppenfeuerwerk mit bis zu 140 Sternschnuppen pro Stunde.

Naturwissenschaftlich betrachtet sind Sternschnuppen Meteoroide, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen und dabei ein mit dem Auge sichtbares Leuchten hervorrufen. So nüchtern die wissenschaftliche Bedeutung. Doch für die Menschen früherer Jahrhunderte und sicher auch noch für manche Zeitgenossen bedeuten die Sternschnuppen viel mehr. Jahrhundertealt ist der Aberglaube, dass Sternschnuppen Glück bringen, weil mit jeder Sternschnuppe ein Wunsch in Erfüllung gehe. Wie dieser Glaube entstanden ist, ist heute unbekannt. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Menschen früher die Sterne als göttliche Lichtfunken angesehen haben – und die Sternschnuppen waren die Dochte, die den Engeln beim Putzen der Himmelskerzen herunterfielen. Daraus entstand die Hoffnung auf göttlichen Beistand oder auf die Hilfe eines Engels, wenn man beim Sichten einer Sternschnuppe einen stillen Wunsch äußerte.

Ich gestehe, diese Erklärung ist viel charmanter als die nüchterne wissenschaftliche Begründung. Für durch und durch rationale Zeitgenossen ist sie wahrscheinlich purer Nonsens, aber – aufgemerkt – die moderne Psychologie hat herausgefunden, dass das Wünschen beim Anblick einer Sternschnuppe den Wünschenden wirklich näher an sein Glück bringt. Wie das? Was soll da für ein Hokuspokus am Werk sein? Keine Magie, sondern die menschliche Natur kommt dabei ins Spiel. Wer in der Lage ist, sich beim Anblick einer Sternschnuppe kurz und knapp etwas zu wünschen, hat den ersten Schritt zur Erfüllung schon getan. Der weiß, was ihm wichtig ist und worauf es ihm ankommt – und er unternimmt vielleicht auch einiges dafür, dass sein Wunsch in Erfüllung geht. Wer weiß, was ihm am Herzen liegt, der ist auf dem Weg zu seinem Glück.

Entgegengesetzte Wünsche

Ich weiß nicht, was Jesus, die Jünger und die Juden, die zu ihnen gekommen sind, beim Anblick einer Sternschnuppe getan haben. Das Phänomen war ihrer Zeit bekannt, der große griechische Philosoph Aristoteles hat Jahrhunderte vorher dazu einiges geschrieben. Was ich aber aus dem Evangelium – einem Teil der johanneischen Brotrede – herausgelesen habe, ist, dass Jesus und seine Gesprächspartner sehr genau wussten, was ihnen am Herzen lag. Nur – und damit beginnt die Schwierigkeit – ihnen lag Unterschiedliches am Herzen.

Die Juden hatten das Wunder der Brotvermehrung miterlebt. Eine Erfahrung, die sie verständlicherweise nicht mehr losließ. Dass ihnen keine Mühe zu viel war, Jesus erneut aufzusuchen, leuchtet ein. Da ist jemand, der unseren Hunger stillen kann, bei dem wir uns nicht mehr um das tägliche Brot sorgen müssen. Im direkten Anschluss an die Brotvermehrung heißt es, dass sie Jesus zum König machen wollen, zu ihrem Brotkönig. Doch da macht ihnen Jesus einen Strich durch die Rechnung. Das ist wie beim Blick nach oben. Manch einem, der zum Himmel blickt, um eine Sternschnuppe zu sehen, machen Wolken einen Strich durch die Rechnung (ggf. den tatsächlichen Wetterbedingungen anpassen). Schon ist es vorbei mit dem Wünschen. So geht es den Juden und deshalb sind sie unzufrieden, wie es zu Beginn des Evangeliums heißt.

Denn Jesus liegt etwas anderes am Herzen. Sein Wunsch ist es, dass die Menschen über den Tellerrand des täglichen Sattwerdens hinausblicken. Auf ein viel größeres Geschenk. Auf den Glauben, auf das ewige Leben, auf ihn als das Brot des Lebens, das ganz anders sättigt als die tägliche Nahrungsaufnahme.

Zwei Wünsche Jesu

Zweierlei wünscht sich Jesus für seine Zuhörer und in deren Nachfolge auch für uns. Erstens: dass wir zu ihm und zu seinem Vater kommen, der ihn gesandt hat. Oder anders formuliert: dass wir an ihn und an den Vater glauben. Denn wer glaubt, hat das ewige Leben. Doch was heißt das konkret für mich, in meinem Alltag: zu glauben? Für mich ist es das Wagnis des Vertrauens. Darauf zu vertrauen, dass Christus in mir lebt. Wenn ich mir gewiss bin, dass Christus in mir lebt, dann wird mir leichter ums Herz, das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, das macht mich fröhlicher. Dass Christus mir so nahe ist, ein Teil von mir – wovor soll ich mich dann noch ängstigen? Ich möchte es mit einem Satz aus dem 1. Petrusbrief zum Ausdruck bringen, der mich seit meiner Jugend immer wieder aufrichtend und ermutigend begleitet. Dort steht im fünften Kapitel: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“

Doch das ist nicht immer einfach. Ich habe schon von den Wolken gesprochen, die sich vor die Sternschnuppen schieben können. Gleiches kann im übertragenen Sinne auch bei dem Wunsch, zu glauben, geschehen. So unterschiedlich die Wolken am Himmel sind, so unterschiedlich können Glaubenshindernisse sein: Wenn ich nur auf mich schaue, habe ich keinen Blick frei zum Himmel. Wenn ich mich nur um mich selbst drehe, ist da kein Platz für Gott. Das sind Wolken, die ich aus eigener Kraft „wegpusten“ kann – auch wenn es mühselig ist und diese Wolken die schlechte Angewohnheit haben, immer wieder aufzuziehen. Im Glauben leben ist kein Zustand, den ich ein für alle Mal erreicht habe, sondern tägliches Bemühen. Doch es gibt auch andere Wolken: die Erfahrung von Schuld. Und es gibt düstere Wolken: die Erfahrung von Leid. Der Fels des Atheismus, wie Georg Büchner es gesagt hat.

Eine besondere Stärkung

In solchen Situationen brauche ich eine besondere Stärkung. Und das ist das Zweite, das uns Jesus wünscht: dass er uns zur Stärkung werden kann. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt er. Brot ist lebensnotwendig. So lebensnotwendig wie die Liebe, so lebensnotwendig wie Beziehungen, in denen ich lebe. Kein Mensch kann ohne Liebe, kann ohne Beziehung leben – er würde verkümmern und sterben. Doch Jesus möchte, dass wir leben, dass wir das Leben in Fülle haben und dass wir es in Ewigkeit haben. Und deshalb geht er in der Eucharistie eine unvorstellbar innige und intime Beziehung mit uns ein. In einem unscheinbaren Stück Brot, das sich wohl niemand beim Anblick einer Sternschnuppe wünschen würde, schenkt er uns mehr, als wir uns zu wünschen trauen und zu bekommen erhoffen. Aus dieser untrennbaren Beziehung zwischen Gott und Mensch leben wir, und zugleich ist sie das Ziel unseres Lebens.

Ich kann diese leiblich-körperliche Verbindung, die mir in der Eucharistie geschenkt wird, nicht verstehen, aber ich versuche mich dem Gedanken zu öffnen, dass Gott in mir wohnt. Und dieser Gedanke macht mich glücklich, er hebt mich empor aus all den Alltagswirren, die mich bedrücken – und lässt mich gestärkt in diesen Alltag zurückkehren, weil ich nicht alleine bin. In mir ist der, der mich trägt und hält.

In Gemeinschaft wünschen

Bei Sternschnuppen, sagt der Aberglaube, für die Erfüllung des Wunsches sei es wichtig, die Sternschnuppe alleine gesehen zu haben. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: Jeder, der an die Wirkmächtigkeit des Wünschens beim Anblick einer Sternschnuppe glauben möchte, hat hiermit die perfekte Ausrede parat, wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht: Hat halt noch jemand anderer diese Sternschnuppe auch gesehen – wer kann das Gegenteil beweisen? Wichtig sei es zudem, so abergläubische Menschen, seinen Wunsch für sich zu behalten.

Beim Wunsch, im Glauben zu leben, ist das ganz anders. Dieser Wunsch geht am besten in Gemeinschaft in Erfüllung. Wenn viele es versuchen, wenn viele einander stützen, ermutigen, aufrichten. Es ist doch schön, wenn die christliche Gemeinde – auch unsere hier – ein Ort ist, an dem Wünsche in Erfüllung gehen.