Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

09.12.2018

Märchenstunde oder Geschichtsunterricht?

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind“ oder: „Ein für alle Mal kommt der Heiden Heiland, der Messias“ – Was gilt? Das ist die Frage. Das Evangelium vom Kommen Gottes klingt für manche Kommunionkinder wie ein Märchen. In den Gruppenstunden komme ich mir zuweilen wie der Märchenonkel vor. Meinen Sie das wirklich ernst? Ist das echt wahr? Gibt es Ihn wirklich?

Eben las ich einen Satz vor, der wie ein Märchenanfang klingt: „Es war …“ „Da kam …“ Es war so weit, da kam ein Mann, der loszog in die Wüste. Kam er, um uns dort das Fürchten zu lehren? Heute hat Johannes seinen Auftritt; er ist – wie sein Geistesverwandter Nikolaus – der große „Dazwischentreter“. Er fragt mich nach dem Stand meiner adventlichen Vorbereitungen. Und er verteilt Arbeit, Knochenarbeit am eigenen Herzen.

Bevor wir mehr erfahren über Gottes Vorarbeiter, schiebt der geschichtsversessene Lukas einen etwas monströsen Satz vor, eine Zeitansage. Wollen wir es so genau wissen? Es passierte im 15. Jahr des Kaisers Tiberius. Was mich aufhorchen lässt, das ist die Genauigkeit, die Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit, mit der Lukas uns in das Geschehen hineinnimmt. Penibel und ermüdend nüchtern listet er auf, wer damals wann und wo das große Wort führte. Lukas, der geschichtsinteressierte Evangelist, gibt dem Advent des Messias einen Rahmen, den politischen Rahmen des Jahres 28/29 nach Weihnachten. Reichlich trocken – wen interessiert so eine Auflistung ehemaliger Mächte und Gewalten?

Damals waren die Namen dieser Männer in aller Munde: drei Herrscher, zwei religiöse Politiker, namhafte Persönlichkeiten, Promis der Zeitenwende. Auf den ersten Blick geben sie für uns keinen festlichen Rahmen ab. Doch sie garantieren Wichtigkeit. „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde!“ Jetzt ist die Sternstunde der Menschheit, kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die Namen dieser Männer sind so etwas wie der rote Teppich, der ausgerollt wird, damit Er in Erscheinung treten kann – und sein Türaufhalter Johannes.

Einmal, ein für alle Mal, geschah Weltbewegendes, Zeitenwendendes. Das wiederholt sich nicht alle Jahre wieder, das passiert nicht ständig „im Jahreskreis“. Das Heil fällt nicht vom Himmel in einen geschichtsleeren Raum. Es ist nicht gleichgültig, wann und wo Gott zur Welt kommt. Unbemerkt von aller Welt mischt sich der Advent Christi ein in die Themen des Tages. „Gottes letztes Wort“ kommt zur Welt, unterwandert still und leise die Machtzonen, auch wenn andere meinten, das Machtwort zu führen. Gott fragt nicht um Erlaubnis, wann es uns denn recht ist, wann wir gerne eine Zeitenwende hätten. Er wartet nicht, ob wir für ihn eine „Willkommenskultur“ ausgebildet haben. Er, die Mitte und das Geheimnis der Welt, tritt ungefragt und kaum bemerkt am Rand des Imperiums in Erscheinung. Und Johannes, seine Stimme, sieht nichts von den wunderbaren Taten des Kommenden, die er ankündigt.

Damals kam es zu keiner Revolution. Tiberius blieb fest im Sattel, Pilatus wird über eine ganz andere Sache stolpern, nicht über den von ihm mitverantworteten Tod Jesu; wegen Herodes und der Langeweile von Herodias und Salome wird Johannes seinen Kopf verlieren. Äußerlich gesehen behalten die Machthaber dieser Welt das letzte Wort. Aber unter den Augen des Lukas werden sie zu Statisten; sie geben den äußeren Rahmen ab für den, der aus dem Rahmen fällt. Wie ein leises Hintergrundgeräusch beginnt hinter der schrillen High Society, die Klatschspalten und Geschichtsbücher füllt, Gottes Wort in einem Menschen zu rumoren. Der adventliche Herr unterwandert still und leise, samenkornklein die Biographie des Johannes und die Weltgeschichte. Es ist hilfreich, dass uns nicht der Weihnachtsmann aus dem Märchen, sondern der damals etwa 32-jährige Johannes bei der Hand nimmt und dorthin entführt, wohin wir womöglich gar nicht wollen.

Wüste Zeit, wilder Mann

Der zweite Advent: Heute hat eine adventliche, noch nicht weihnachtliche Gestalt ihren großen Auftritt. Dieser Adventsmann eignet sich nicht als „Hohlkörper“ und in Schokolade gegossen zu werden. Wir schalten also aus Rom, Jerusalem und Caesarea in die Wüste. Viel Landschaft, viel beeindruckende Leere, sensationsarm. Wer nach Betlehem will, kann nicht an Johannes und seiner Wüste vorbei. Die Wüste löst keine „ozeanischen Gefühle“ aus, von denen Sigmund Freud einmal sprach. Man muss einen adventlichen Umweg ins Ungemütliche in Kauf nehmen. Johannes ist unvermeidlich, unumgänglich, ob es mir passt oder nicht. Es gibt, weiß Gott, angenehmere und kuscheligere Wegbegleiter. Nein, wir müssen diese Ernüchterung aushalten und umschalten zu ihm, diesem wilden Typ, zum Bußprediger, der nur eine Bußtaufe zu bieten hat. Als Deko ist der ungeeignet und als Krippenfigur auch.

Johannes ist ja Wegbereiter nach Weihnachten. Strenggenommen bereiten wir uns nicht auf Weihnachten vor, sondern kommen von Weihnachten her und fragen nach den Konsequenzen der Weihnacht. Schnurstracks ging Johannes von Ain Karim, einem kleinen Dorf im Grünen bei Jerusalem, in die Wüste – als ein von Gott nach echter Prophetenmanier Ergriffener. Er hatte gewissermaßen keine Zeit und auch keinen Grund, um unterwegs in Betlehem einzukehren. Johannes ist wohl nie in Betlehem gewesen; auch Petrus und Paulus waren vermutlich nie dort.

Der Täufer musste in die Wüste, weil Gott ihn gestört hat. Er musste sich dieses eigenartige Outfit zulegen, um als zotteliger Exot die Dringlichkeit der Wende zu demonstrieren. Jesus sah vermutlich viel unauffälliger aus und predigte menschenfreundlicher; uns fehlt eine Beschreibung seines „kleinen Gesichts“, seiner Kleidung. Auch Jesu Essgewohnheiten waren unauffällig. Johannes hingegen fällt ins Auge, er ist abstoßend und faszinierend zugleich, er sieht originell aus, ist eine starke, coole Persönlichkeit. Er ist ein unerbittlicher „Extremist“. Und doch nehmen wir ihm seine Worte ab, denn er predigt Wasser und trinkt Wasser. Er predigt vermutlich Altbekanntes, zitiert Propheten, jedoch in deutlich verschärftem Ton. Zuweilen müssen wir uns auch die Zumutung einer „Publikumsbeschimpfung“ gefallen lassen von einem Seher, der mit dem Vergrößerungsglas die Misere des Menschen sieht und anklagt, immer noch, immer wieder.

Der subversive Gott und sein Vorläufer

Johannes hätte es sich verbeten, ihn zum Thema zu machen, also über den Prediger zu predigen. Er steht Christus nicht im Weg. Alle Jahre wieder reinigt er meinen Advent. Überflüssig wird dieser „Vorläufige“ nie; er ist nicht der „Mohr“, der „seine Schuldigkeit getan“ hat, auch kein exzentrischer Wüstenschrat, der sich erledigt hat. Der Wüstenmann weiß, was nottut – im Jahre 28 und im Jahre 2018; bei uns, die wir nicht im 15. Jahr des Tiberius leben, sondern (in Deutschland) im bald 14. Jahr der Kanzlerschaft von Angela Merkel. Auch heute will der Messias die Welt unterwandern. Der Täufer muss heute dafür kämpfen, dass Gott selbst sich einen Weg zu mir bahnt, wo ich diesen Wegbereiter-dienst so lustlos tue. Johannes kennt mein Problem: wie schwer es mir fällt, mit schlechten Gewohnheiten aufzuhören, ja: einfach nur aufzuhören!

Alle Jahre wieder muss er meinen routiniert lustlosen Advent durchkreuzen. Schnörkellos sagt er: Bereitet euch gefälligst vor, damit sich Gottes Advent wirklich in euch ereignen kann. Einer muss es tun; einer muss den großen Adventshausputz einläuten; einer muss dafür sorgen, dass diese Zeit vor Weihnachten eine wahrhaft erwartungsvolle Zeit ist. Für Johannes steht Gottes Heil bevor – auch für mich, der ich womöglich den kommenden Gott ins Gestern abgeschoben, entschärft, entsorgt habe. Machen wir Ihm den Weg frei, damit Er unkonventionell und nicht standesgemäß und völlig unerwartet unter Brot und Wein seinen Weg zu uns findet.