Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

25.08.2019

1915, vor über hundert Jahren, schrieb Franz Kafka die Erzählung „Vor dem Gesetz“. Sie wurde auch als Türhüterlegende oder Türhüterparabel bekannt. Ich möchte heute den Großteil dieser Erzählung zu Gehör bringen und sie mit dem Evangelium von der engen Tür in Beziehung setzen. Im Letzten geht es ja in beiden Texten um die Frage: Wie gelingt es, dass wir die offenen Türen des Lebens nützen und durch die eigene Lebenstür tatsächlich hineingehen?

Die Türhüterparabel

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“

Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen (…) Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt.

Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. (…) Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“

Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andren Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtlos und laut, später (…) brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach. (…) Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Tür des Gesetzes bricht.

Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. (…) „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“

„Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?“

Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Franz Kafka, Erzählungen, Kapitel 16.
(Das Original hat keine Absätze; wir haben sie als Lesehilfe eingefügt.)

Wer ist schuld?

Diese Erzählung von Franz Kafka lässt uns erschüttert zurück und regt zu vielen Überlegungen an (vermutlich auch viele Schüler, die sie interpretieren sollen):

Warum geht der Mann nicht hinein „in das Gesetz“?

Wer ist schuld, dass dieser Mensch nicht durch seine Tür hineingeht?

Ist er selber schuld,

weil er sich vom Türhüter schnell und immer neu abwimmeln lässt?

Weil er nicht einfach hineingeht und Hindernis um Hindernis beseitigt?

Weil er sich verzettelt und mehr auf die Flöhe am Kragen des Türhüters achtet als auf sein Lebensziel?

Weil er sich vom Netz des Systems einfangen lässt, das der Türhüter vor ihm ausbreitet?

Ist der Türhüter schuld,

weil er diesen Menschen ein Leben lang hinhält?

Weil er sich immer wieder bestechen lässt und so im Wartenden eine falsche Hoffnung weckt?

Weil er ihm bis zuletzt die große Wahrheit verheimlicht, dass hier kein Mensch kommt, der mitgehen würde, weil dieser Eingang nur für ihn bestimmt war?

Weil ihm ein glücklicher Ausgang dieses Menschenlebens völlig egal ist?

Wie kommt man ins Heil?

Jesus spricht von der engen Tür. Bei ihm aber steht kein Türhüter davor, der den Eintritt verwehren würde. Die Tür steht allen offen – bis zuletzt. Dies gilt es zu nützen und zur rechten Zeit durch die Tür hineinzugehen. Jesus sagt, dass viele Menschen von allen Himmelsrichtungen kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen werden. Die Tür ist zwar eng, trotzdem kommen unzählig viele hinein! Der Himmel, sagt Jesus (und vor ihm schon der Prophet Jesaja), ist alles andere als leer. Das macht Mut, unseren eigenen Weg zu suchen und durch unsere eigene Tür hineinzugehen.

Gehen aber müssen wir selber. Warum aber ist die Tür eng? Einmal, weil nicht alles gleich gültig ist. Es ist nicht egal, wie ich lebe. Wer sagt, dass alles gleich gültig ist, macht alles gleichgültig und nimmt die ihm geschenkte Zeit und auch die Mitmenschen nicht ernst. Eng ist die Tür auch, weil sie ein „Dienstweg“ ist und kein Portal zu einer bequemen Flaniermeile. Eng ist sie schließlich auch, weil sie nicht jede Möglichkeit offenlässt: Wir müssen uns entscheiden und Schritte wagen. Wer immer vor der Tür auf letzte Sicherheiten und Garantien wartet, versäumt das Entscheidende. Und wer statt hineinzugehen vor der Tür rechthaberisch diskutiert, versäumt es auch.

Die Tür ins volle, vollendete Leben ist eng, sagt Jesus. Zugang bekomme ich nur mit „leichtem Gepäck“: Gepanzert und gerüstet werde ich nicht hindurchkommen, auch nicht gepolstert mit all meinen erworbenen Schätzen und bequemen Gewohnheiten. So manche festgemauerte Überzeugung werde ich abstreifen müssen, ganz gewiss die Selbstgerechtigkeit und die Vorurteile, wer denn hineinkommt und wer nicht.

Es gibt Türen, durch die muss ich ganz alleine gehen, zumindest den einen entscheidenden Schritt alleine machen. Aber es gibt viele wichtige Türen im Leben, durch die wir nicht allein gehen müssen: Das sind Menschen, die uns begleiten und ermutigen und vielleicht sogar schieben, aber gehen müssen wir selber. „Bemüht euch, durch die enge Tür zu kommen!“