Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

15.12.2019

Unser Evangelienabschnitt steht bei Matthäus nicht ganz vorne, sondern nach der Bergpredigt (die ja viel mehr umfasst als bloß die Seligpreisungen), nach vielen Heilungen und nach der Wahl der Zwölf. Da war also schon einiges geschehen – und Johannes der Täufer war da längst im Gefängnis (Mt 4,12). Als er noch frei agieren konnte, da hatte der Täufer, kurz zusammengefasst, drei Predigtthemen:

Er verkündigt das nahe Gericht: Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. (Mt 3,10)

Er verkündigt den Menschensohn: Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. (Mt 3,12)

Und er verkündigt „den Stärkeren“: Ich taufe euch mit Wasser [zum Zeichen] der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. (Mt 3,11)

Zu vieles kam anders als erwartet

Und jetzt stellt dieser Johannes eine Frage, die alles andere als eine Routinefrage ist: „Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Das klingt nach großem Zweifel: Zu vieles ist anders als erwartet. Kein Gericht. Kein mutiges, beherztes Aufräumen. Keine Axt an den Wurzeln des Unfruchtbaren von gestern und vorgestern. Kein Sortieren von Spreu und Weizen. Es ist beileibe nicht alles gut. Es wird nicht einmal alles besser. Und das neue Gute wirkt so unscheinbar, kommt so leise daher.

Wenn die Frage des Johannes, wie Matthäus sie uns überliefert, tatsächlich historisch ist, dann hat der Täufer noch im Gefängnis mitbekommen, dass Jesus, mit großer Wahrscheinlichkeit sein ehemaliger Mitarbeiter und Assistent, inzwischen buchstäblich ein neues Leben angefangen hat. Er hat die Wüste verlassen und feiert in Galiläa Feste. Feste, die er Reich-Gottes-Feste nennt, wie die Propheten sie angekündigt hatten. Dann ist Johannes klar geworden: Das ist nicht der, den ich verkündigt habe. Und in ihm taucht die große Frage auf – oder ist es Zweifel an seinem Lebenswerk: Ist Jesus trotzdem der, der die Menschheit zur Entscheidung führt? Ist er trotzdem der, der die Spreu vom Weizen trennt? Ist er trotzdem der Stärkere, obgleich er schwach wirkt, leise und unscheinbar?

Und wenn da nicht der Täufer, sondern die Gemeinde fragt?

Es könnte sehr wohl so sein, dass die Frage des Johannes nicht der Täufer formuliert hat, sondern dass sie aus der Zeit des Matthäus stammt, der gerade sein Evangelium schreibt und sich fragt (und umringt ist von Leuten, die auch fragen), ob das wirklich schon alles ist, was da kommen soll. Und damit wäre die Frage zugleich eine Frage unserer Gegenwart: Ist damals, mit Jesus, wirklich die Entscheidung für die neue Welt Gottes gefallen? Hat mit ihm wirklich das Reich Gottes angefangen? Ist er wirklich der Stärkere, der sich mit seiner Sicht des Gottesreiches und seiner Prioritäten durchsetzen wird – auch gegen all die Rezepte von vorgestern für die Kirche von morgen, trotz all dem kirchlichen Kahlschlag im Zeichen des Zölibats, in den endlosen Diskussionen über das Frauenpriestertum? Da kommt doch schnell dieselbe Frage hoch wie damals: War er‘s wirklich, wenn bei denen, die sich auf ihn berufen, so etwas herauskommt?

Wir kennen die Antwort, die damals gegeben wurde: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht! Das heißt doch: Ja, es kam anders, aber es kam nicht schlechter. Nicht alle Blinden sehen wieder, und bei den Ewig-Gestrigen und den dogmatisch Blind-Lahm-Tauben ändert sich nichts. Es geht alles furchtbar mühsam. Aber trotz aller Mühe, trotz aller Trägheit: Es geht! Manchmal sagt einer: Jetzt sehe ich wieder ein bisschen Land. Manchmal sagte eine: Jetzt bin ich einen Schritt weitergekommen. Oder: Jetzt merke ich doch, dass Gott mich liebt, auch wenn es nicht vorwärts geht mit meinen Kindern – und mit mir. Manchmal sagt einer: Ich fühle mich frischer, lebendiger. Oder: Das war ein Gottesdienst, der der Seele gutgetan hat. Jetzt habe ich wieder einen Funken Freude am Leben. Und wieder ein anderer sagt: Ich denke noch heute an die Brautleutewoche und an die Ermutigung: Versucht, einander jeden Tag gut zu sein! Und darum probier ich’s nochmal!

Wenig. Oder doch nicht?

Es ist furchtbar wenig, nicht wahr? – Aber erstens ist das gar nicht wenig, wenn das kurz nach der Silberhochzeit gesagt wird. Und zweitens könnte es viel mehr sein, wenn es uns allen nicht so furchtbar unwichtig wäre! Hand aufs Herz: Wir alle haben doch viel Wichtigeres zu tun, als einander gut zu sein! Gerade in diesen Wochen haben wir furchtbar wenig Zeit für die Menschen, weil wir beispielsweise noch keine Geschenke für sie haben und keinen Plan für das Festessen. (Ganz ähnlich sagt ein Pfarrer, übrigens ein guter Seelsorger, öfter achselzuckend und ein bisschen hilflos: „Seelsorge ist unsere geringste Sorge.“ Denn er muss sich laut Dienstbeschreibung um angeblich Wichtigeres kümmern …)

Deshalb geht es vor allem anderen genau um diese Frage: Wieviel Zeit werde ich in der nächsten Woche fürs Gutsein verwenden? Dieses Gutsein ist nicht nur für Profis gedacht. Und es ist nicht ablösbar durch Spenden für gute Zwecke. Und es soll auch nicht auf das übliche Programm noch oben drauf kommen. Nein, es soll die Priorität bekommen.

Gewiss, die Geschichte der Christenheit und ihre aktuelle Gestalt wecken viele Fragen und Einwände. Und nach 2.000 Jahren Christentum gibt es immer noch so viel Elend. Dennoch: Wer die Geschichte ansieht, ,,die Jesus bewirkte, kann erkennen, dass die Welt durch sie in der Tat besser wurde – und wird“ (Meinrad Limbeck). Ernst zu nehmende Historiker (vgl. die Kontexte 3 und 4) stellen zusammen und machen bewusst, was alles dem Christentum zu verdanken ist. Wir sehen die Folgewirkungen so vieler offizieller Heiliger und das Gute, das all die namentlich nicht in Erinnerung gebliebenen Christen in der Geschichte bewirkt haben. Und Sie alle, die heute da sind, auch Sie haben schon viel Gutes getan und haben etwas Schlechtes, das Sie vielleicht auch getan haben, aus tiefstem Herzen bereut! Wenn wir bedenken, wie lange es gebraucht hat, um in der Evolution der Menschheit Schrittchen für Schrittchen voranzukommen, dann ist in den 2.000 Jahren nach Christi Geburt überwältigend viel für die Erlösung dieser Menschheit geschehen. Viel mehr jedenfalls, als nach den Gesetzen der Natur allein je zu erwarten war.

Gewiss: Die Erlösung ist noch nicht am Ziel, aber all das lässt doch die Hoffnung wachsen, dass sie auf dem Weg, dass sie am Kommen ist, dass also wirklich Advent ist! Wohl denen, denen das nicht zu wenig ist! Oder in die Worte des Evangelium zurückübersetzt: „Selig ist, wer daran keinen Anstoß nimmt.“

Amen.