Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

10.02.2019/17.02.2019

Eine Standort-Bestimmung

Im Evangelium lobt Jesus einige Menschen und preist sie selig, andere warnt er und zeigt seine Bestürzung über ihren Lebenswandel.

Was würde er mir und Ihnen, liebe Mitchristinnen und Mitchristen sagen: eine Seligpreisung oder einen Wehe-Ruf? Wo sieht Jesus wohl uns? Wo sehen wir uns?

In der Predigt möchte ich eine Standortbestimmung für mich suchen. Bitte nehmen Sie teil an diesem Versuch und machen Sie eine Verortung für sich selbst.

Standort: Lebensgefühl trotz prekärer Lebenssituationen

Das Evangelium berichtet uns, dass Jesus ganz bewusst seine Anhängerschar anschaut: Er sieht unter den Glaubenden Menschen, denen es am Grundlegenden des Lebens fehlt. Dies wird konkret gemacht an der Nahrung. Anderen fehlt es am Glück des Lebens: Jesus sieht ihr Weinen und bemerkt ihre Traurigkeit. Jesus sieht Menschen, die nur Hass erleben und denen es an Gemeinschaft fehlt. Jesus erkennt auch, dass viele seiner Anhänger wegen ihres Glaubens verachtet sind und unter der religiösen Intoleranz der anderen leiden.

Diese Menschen hat Jesus wieder bei sich; mit ihnen spricht er jetzt, und genau sie nennt er selig.

Als selig bezeichnet er sie, weil sie verstehen, wie bedeutsam und einmalig das Leben ist – trotz allem. Selig nennt er sie, weil sie bemerken, dass Gottes Kraft im Leben wirkt – trotz allem. Selig nennt er sie, weil sie erleben, wie schnell das Leben, dieses Schöpfungsgeschenk Gottes, verletzt sein kann.

Diese Seligen, die in das Leben so tief hineingeraten sind, sieht Jesus mitten im Reich Gottes.

Standort: Angst um die eigene Situiertheit

Diese Parteilichkeit und Einschätzung Jesu erschreckt mich; denn ich möchte auf gar keinen Fall arm, hungrig, traurig, ausgegrenzt und religiös verfolgt sein. Ich habe Angst davor. Denn: Ich sehe die Armen, Hungrigen, Traurigen, Ausgegrenzten, wegen ihres Glaubens Verfolgten eher am Rand des Lebens und empfinde sie als Verlorene und als Hoffnungslose. Ich selber will keinesfalls am Rand stehen, verloren und hoffnungslos sein.

Und so kriege ich Angst, wenn ich zu den Armen, Hungrigen, Traurigen, Ausgegrenzten, Verfolgten hinsehe. Denn an ihnen sehe ich, wovor ich Angst habe: dass Schwierigkeiten und Probleme auf mich zukommen könnten, dass ich von meinem Lebensstandard irgendetwas verliere, dass ich in andere Lebenssituationen gerate. Ich habe große Angst.

Mein einziger Gedanke ist: Wie kann ich meinen Lebensstandard sichern? Auch gegen die Bedürfnisse derer, die tatsächlich arm dran sind, die hungern, die arbeitslos sind, die flüchten müssen, die verfolgt sind?

Die Angst macht mir Druck; mein Sicherheitsgefühl macht mir Druck. Diesen Druck lasse ich natürlich an den Schwachen aus: an ihnen als Konkurrenten, als Fremde, als Unterlegene. Innerlich fange ich an, sie abzuwerten, sie auszugrenzen und gegen sie zu kämpfen. So will ich mich von ihnen distanzieren, sie von mir fernhalten und mich vor ihnen retten.

Keine Spur von Mitleid regt sich in mir; keine Nächstenliebe empfinde ich. Und ich spüre auch nicht, was die von Jesus Seliggesprochenen spüren: die Großartigkeit des Lebens und Gottes Kraft, die im Leben wirkt.

Standort: Weherufe gegen den Wohlstand

Darum kann Jesus mich nicht selig nennen. Stattdessen warnt er mich: Dir geht es gut; du bist reich und satt; du lachst und wirst gelobt. Und: Für dich gibt es nicht noch mehr Gutes. Für dich gibt es kein noch Mehr an Sattheit, sondern nur noch ein Weniger. Noch mehr lachen als jetzt wirst du nicht können. Du gibst zu viel auf das Lob der Leute.

Jesu hat meine Lebenssituation richtig analysiert. Dies einzusehen, ohne dabei Angst zu bekommen, ist meine Aufgabe. Dafür brauche ich Ermutigung, die Jesus mir gibt.

Standort-Wechsel: Glaube macht selig

Jesus ermuntert die Armen, Hungrigen, Weinenden, Ausgegrenzten, religiös Verfolgten: Obwohl es euch schlecht geht, seid ihr gut, seid ihr selig. Obwohl ihr in schlechten Lebenssituationen steckt, seid ihr auf dem richtigen Weg – in eurem Leben und mit eurem Glauben. Ihr seid im Reich Gottes.

Denn die Not, die erlitten wird, nimmt dem Einzelnen nichts von seiner menschlichen Bedeutsamkeit für Jesus, für Gott und für Mitmenschen.

Diese Ermunterung, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, gilt auch für mich und für uns: Schätzen auch wir, dass wir leben und nicht „nicht sind“? Merken auch wir, dass im Leben Gottes Kraft wirkt und nicht nur unsere Hände am Werk sind?

Und darüber hinaus: Jesu Selig-Worte machen uns als gut situierten Bürgern klar: Trotz Not lässt sich erleben, dass man von anderen Menschen Zuwendung erhält. Trotz Not kann man solidarisch sein mit denen, die ebenfalls Not leiden. Trotz Bedrängnis kann man in sich durch andere Menschen Liebe entzünden lassen. Trotz Bedrängnis kann man andere Menschen lieben. Trotz Trauer können andere Menschen im Trauernden Hoffnung wecken. Trotz Trauer kann man in sich selbst einen Funken Hoffnung finden. Trotz Leiden kann man spüren, dass das eigene Vertrauen auf Vertrauensvolles wartet. Trotz großer Sorgen kann man erleben, dass in einem selbst ein Lebenswille und eine geheimnisvolle Lebenskraft steckt.

Diese Denkweise und Lebensrichtung, die die Selig-Worte mir weisen, wollen mir persönlich den Druck nehmen, dass ich meine Lebenssituation gegen alle anderen verteidigen und auf Kosten anderer sichern muss.

Und wenn ich mit den Seligpreisungen begreifen würde, dass ich trotz Not, Angst und Sorgen diese geheimnisvolle Lebenskraft in mir erleben kann, könnte ich als Glaubender diese Lebenskraft als Gottes Lebensatem begreifen. Daran anknüpfend könnte ich trotz vieler Schwierigkeiten erfahren, dass ich Gottes Sohn, Gottes Kind bin. Ich würde ahnen, dass Gott in mir ist, und würde im Glauben feststellen, dass mein Leben letztlich von Gott ist und dass ich – eben trotz allem Schlechten – ein Ebenbild Gottes bin.

Die Seliggepriesenen haben das verstanden. Spätestens durch Jesu Worte wurde es ihnen klar. Aber verstehe ich als Gutsituierter und als Adressat der Wehe-Rufe Jesu das ebenfalls? Verstehe ich durch Jesu Worte, was im Leben wirklich zählt? Nämlich Zuwendung, Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Lebenskraft? Verstehe ich, dass Gott im Leben gegenwärtig ist und auch in mir und dass ich sein Ebenbild bin? Wenn ja, so wäre ich selig.

Standort-Wechsel: Glaube macht tatkräftig

Jesus ermutigt uns alle, und die Seliggepriesenen zeigen schon eine neue Lebensrichtung und Glaubenshaltung. Nun ist es an mir und Ihnen, diese Hilfen aufzugreifen, um angstfrei zu werden; um die Kraft zu bekommen, die Armen, Hungrigen, Traurigen, Ausgegrenzten, Verfolgten anzusehen; um die Angst um mein schön situiertes Leben zu verlieren; um den Mut zu finden, sich für andere einzusetzen.

Wer sich wie ich von den Wehe-Rufen angesprochen fühlt, könnte – nun ohne Angst um sich selbst – tatkräftig werden für die Seliggepriesenen und gegen ihr Leid: im Ehrenamt, durch Spenden, durch vorurteilsfreie Offenheit, durch engagierte Worte.

Wenn uns dies gelingt, unterstützen wir Jesu Hoffnungsaussage: „Gott ist bei euch, und es wird anders werden für euch!“ Ohne meine und Ihre Hilfe wäre sein Wort ein billiger Trost. Den wollte Jesus aber nicht spenden, er will konkrete Änderungen, will mehr und volles Leben – für alle.