Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

18.02.2018

Sich treiben lassen

Und gleich treibt der Geist ihn hinaus in die Ödnis. Und er war vierzig Tage in der Ödnis, vom Satanas versucht. Und er war mit den Tieren, und Engel dienten ihm. (So übersetzt Fridolin Stier.)

Markus macht es kurz und bündig. Er hat es eilig wie der, den er bezeugt. Jesu atemloser Dienstweg beginnt in Galiläa. Die Wüste ist nur Transitland. Mit ein, zwei Sätzen hat Markus alles über Jesu Wüstentage gesagt. Jesus wird vom Geist in den Ortswechsel getrieben, so, als habe er sich diese karge Stätte in der Wüste und die Zeit seines Aufenthalts im Menschenleeren nicht freiwillig ausgesucht. Jesus im Geisteswind. Der Geist treibt Jesus nicht ins Schlaraffenland, ins Wunderland der Höhenflüge und der sofortigen Bedürfnisbefriedigung. SendenEr treibt ihn ins Niemandsland. Und Jesus lässt sich treiben von dieser Energie Gottes. Nein, der Mann aus Nazaret macht keinen Wüstenausflug. Es muss so sein: Jesus, der Jude, tut es im Zeitraffer seinem Volk und Mose und Elija nach: 40 Tage in der Einöde, im Raum des Mangels, in Einsamkeit und Monotonie.

Wohin wird der Geist uns in den kommenden Wochen treiben? Welche Gedanken machen mich unruhig? Welcher kleine Mann sitzt mir im Ohr und macht mir Stress? Wes Geistes Kind bin ich? Womöglich erlebe ich mich als antriebsschwach, als lustlos, als geistesabwesend. Ich brauche alle Jahre neu diese Bußzeit, um mir auf die Spur zu kommen, um meinen Gefährdungen, meinem Desinteresse, meinen verpassten Gelegenheiten, meinen wunden Punkten, meinen schlechten Gewohnheiten, meiner Blindheit für Gottes Nähe, meiner Gottvergessenheit ins Auge zu schauen. Nicht alle Wünsche, Begehrlichkeiten und Sehnsüchte, von denen ich getrieben werde, sind gut. Bestandsaufnahme tut not!

Ich käme nicht aus eigenem Antrieb darauf, mich auf das „Aschenland“ der Fastenzeit einzulassen. Ehrlich: ich habe darauf keine Lust. Nur wenn mich der Rückenwind des Geistes treibt und ich mich von diesem Geist motivieren lasse, kann aus dieser Wüstenzeit etwas Fruchtbares werden. Das würden dann 40 Tage, in denen ich innerlich abrüste oder Abschied nehme von unrealistischen Zielen. Zeiten, in denen ich darauf verzichte, in allem mein autonomer Selbstversorger zu sein. Zeiten, in denen ich den Mut zu leeren Händen aufbringe und meine Lebensantenne auf Empfang stelle. Jetzt ist die Zeit, mich zu einer immer wieder verschobenen Entscheidung durchzuringen und die eigene Wandlung zumindest für möglich zu halten. Vom Geist werden wir wie durch einen heftigen Windstoß aus einer gewissen Verschlafenheit geweckt und in eine Richtung getrieben, die wir von uns aus freiwillig nicht aussuchen würden. Gott denkt groß von mir, dass er mich Jahr für Jahr antreibt, damit – nicht nur in der Frühlingswelt – Neues werden kann; damit wir hungrig und so erst genussfähig werden, Lust auf Ostern bekommen.

Bestandene Versuchung

Markus ist wortkarg, wenn es um Jesu Spitzentreffen mit der Macht des Satans geht. Er malt den Teufel nicht an die Wand. Details müssen wir bei anderen Evangelisten nachlesen. Markus bedient nicht unsere Fantasie und Neugier. Wie Jesus die Krise seines Lebens bestand, bleibt ungesagt. Der Augenblick der Versuchung Jesu gehört zu seinen „Einsamkeiten“. Was da geschieht, geht uns nichts an. Markus ist in seiner Knappheit ehrlich, denn wer ist bei diesem seltsamen „Gipfelgespräch“ als Ohrenzeuge dabei gewesen außer der Versucher und der Versuchte? Nein, wir erfahren nicht, worin Jesus versucht wurde und welche Lockangebote er zu hören bekam. Der Evangelist konstatiert nur die 40-tägige Dauer und die bestandene Versuchung. Darauf kommt es an. Dass Jesus nicht versagt wie der erste Adam. Jesus ist der neue Adam. Der Teufel ist erfolglos.

Tiere und Engel

Und doch muss in der Wüste und während dieses unheimlichen Rendezvous mit der Gegenmacht in Jesus eine einschneidende Veränderung vorgegangen sein, ein Durchbruch; denn ein neuer Wind, ein Hauch vom Paradies kommt auf: Nach dem Zeugnis des Markus fastet Jesus in der Wüste nicht. Dienstbare Engel erscheinen, versorgen ihn in seiner Wüstenzeit mit Speisen, und wilde Wüstentiere leisten ihm freundliche Gesellschaft. Tiergottesdienst unter freiem Himmel, Engel feiern mit dem Christus-Sieger schon im Voraus Ostern. Jesus ist auch in der Wüste gut versorgt.

„Und er war mit den Tieren“. Dieses rätselhafte Detail ist Markus wichtig, der doch sonst auf äußerste Verknappung bedacht ist. Man könnte sagen: Hier herrschen Zustände wie in der Arche Noah; oder wie in der Weihnacht, wo Ochs und Esel friedlich neben dem Gottesbaby lagern. Der Löwe liegt beim Lamm, dem Lamm Gottes, der Säugling neben der Natter. Es ist, als werde vom Geistwind die Tür zum Paradies aufgestoßen, als wäre die neue Welt im Anbruch, als wären Himmel und Erde im Einklang. „Heut macht er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis / Der Cherub steht nicht mehr dafür …“ Jesus kommt zur Welt, „um mit den Tieren zu sein“. Die Wüste blüht nicht, aber wir ahnen: Die Erde wird anders, wo Er in Erscheinung tritt; der neue Adam ist mit dieser wilden, mitunter auch grausamen Schöpfung verbunden. Er sucht die Nähe der Kreatur. Ja, die Nähe des Menschgewordenen zur „Bestie“ – und auch zum manchmal Tierischen im Menschen –, das passt! Das ist Markus wichtig. ER inmitten der animalischen Schöpfung.

Wir sind weder Tier noch Engel. Uns gelingt es wohl nicht, so friedlich mit den wilden Tieren zu sein und Ihm selbstvergessen zu dienen. Doch Jesus will auch mit uns sein und uns „zähmen“. Wir spüren zuweilen das Biest der bösen Macht in uns. Wir sind nicht nur vom Taufgeist getrieben. Der Mensch kann zur Bestie werden. Er bewegt sich zwischen den Möglichkeiten, ein Heiliger oder ein Verbrecher zu werden, wie Chesterton einmal zuspitzte; zerrissen zwischen den Alternativen, ein Mörder oder Wohltäter zu werden, satanische Verse zu sagen oder Liebeserklärungen abzugeben.

Das Tier kann nichts dafür, wenn es auf Beutegang geht und Opfer sucht; der Mensch ist gefährlicher. Fastenzeit ist wie ein Spiegel, in dem mir aufgeht, wie sich das grausam Raubtierhafte in uns Menschen aufstauen kann: Ich sehe das knirschende Wolfsgebiss bei den Mördern des heiligen Stephanus; das Heuschreckenhafte, mit dem die Superreichen die Welt kahl fressen; das Tigerhafte, das im Menschen hinter der friedlichen Fassade lauert; auch die Angst der Angsthasen vor der Verantwortung, die Bedrohung durch den Drachen (den der heilige Gregor tötet und die heilige Margaretha zähmt!). Ich sehe im Spiegel das Kriecherische der Schlangen, das tierische Machtstreben wie im Wolfsrudel, die bestialische Gier nach dem Opfer, das Hyänenhafte, die versteckte Fratze der Aggression hinter der Maske der Liebenswürdigkeit, das Schnurren der Raubkatze, die eine Hauskatze mimt. Auch aus maßvollen und zivilisierten Menschen kann von einem Augenblick zum anderen das primitiv Gewalttätige hervorbrechen. Von einem Augenblick zum anderen wird das Paradies zur Wüste. Das Raubtier im nur oberflächlich zivilisierten Menschen erwacht, das durch Erziehung und Kultur mühsam Bezähmte bricht durch. Übrigens – auch im Gottesdienst können wir solche unguten Regungen und Versuchungen nie ganz hinter uns lassen; wir können sie bändigen, verdrängen, einhegen – Jesus, der Tierbändiger! Lassen wir diese wilden Regungen von ihm verwandeln. (Eine Ahnung davon haben wir ja: Wie oft macht uns der tiefe Blick in treue Hundeaugen friedlicher, freundlicher, liebenswürdiger, menschlicher.)

Fastenbrechen

An den Fastensonntagen ist die Fastenzeit ausgesetzt. Nach Markus fastet Jesus nicht. Alles hat seine Zeit! Wir bewegen uns in der Wüstenzeit des Kirchenjahres und sind doch zugleich im Vorraum von Ostern. Wir singen heute keine düsteren Fastenlieder, sondern bekennen, dass Christus Sieger ist: Die Zeit ist erfüllt! Es herrscht kein Mangel! Bestens werden auch wir mit dem Brot der Engel (Panis angelicus heißt der Hymnus!) bedient und feiern Gottes „Service“. Wir dürfen hoffen, dass der Herr das Tierische in mir und in dir bändigt. Schon hier und jetzt beginnt die Verwandlung der Welt, meiner Innenwelt. Bevor Jesu kurzer eiliger Dienstweg durch Galiläa beginnt, darf er genießen. Lassen wir uns vom Geist treiben durch diese vierzig Tage! Wohin? In die Arme Jesu! In das Fest des Fastenbrechens, in die Feier des österlichen Mahls!