Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

05.04.2020 - Palmsonntag

Wer ist schuld am Todesurteil Jesu? Wer trägt die Verantwortung? Waren es die Juden oder die Römer? Dicke Bücher sind über den Prozess Jesu geschrieben worden, und diese Predigtmeditation will ihn nicht neu aufrollen.

Wer ist schuld?

Bis in unsere Zeit haben Christinnen und Christen den Juden die Schuld für den Tod Jesu in die Schuhe geschoben. Daraus entwickelte sich ein Hass, der Po-grome und Verfolgungen auslöste. Letztlich ist der Holocaust eine bittere Konsequenz daraus. Im sogenannten christlichen Abendland mussten alle Juden für eine Tat bezahlen, die weit zurückliegt und für die sie nicht verantwortlich gemacht werden können. So büßten in der Nazizeit 6 Millionen Juden für etwas, das sie nicht getan hatten. Mit Entsetzen stellen wir fest, dass die Judenfeindschaft in unseren Tagen wieder zunimmt. Sogar vor Gewalt schrecken bestimmte Kreise nicht zurück.

Vielleicht verführten die Leidensgeschichten der Evangelien zu einem solch vorschnellen Urteil. Mit der ältesten Passion nach Markus beginnt das Verhängnis, das Matthäus verschärft. Zunächst schildert der Evangelist, der überzeugter Jude ist, das Verfahren gegen Jesus. Es läuft nach der Ordnung des Gesetzes ab. Viele treten auf und machen eine Aussage. Zur Verurteilung jedoch sind immer zwei Zeugen notwendig, die übereinstimmen müssen. Matthäus erweitert dann die Anklage des Hohepriesters um eine Frage, die sich nur im Judentum stellt. „Bist du der Christus, der Sohn Gottes?“ Als Antwort legt der Jude Matthäus Jesus als der höchsten Autorität ein indirektes Ja in den Mund: „Du hast es gesagt.“ Der Hohepriester weiß also, worum es geht. Im Grunde hat er, ohne es zu wollen, ein Bekenntnis abgelegt, das er gleich mit scharfen Worten zurücknimmt. Gotteslästerung, nicht Revolution ist aus jüdischer Sicht die angebliche Straftat Jesu, die der gesamte Hohe Rat bestätigt. Um Gott geht es, um nichts anderes.

Ein tief verletzter Jude schreibt die Passion


Im weiteren Verlauf der Geschichte entlastet der Jude Matthäus sogar den Römer Pilatus von der Verantwortung. Nach seinem Evangelium überlässt der kaiserliche Statthalter das Urteil der Menge aus Jerusalem. Sie darf bestimmen, ob Barabbas oder Jesus freizulassen ist. Eindeutig ist ihre Antwort. Als er versucht, ihr Geschrei zu besänftigen, gelingt es ihm nicht, sie umzustimmen. Der Prozess nimmt seinen Lauf. Wie im Judentum üblich, wäscht sich der Römer Pilatus die Hände, um sich selbst freizusprechen. Dabei ist es undenkbar, dass sich ein römischer Beamter jüdischen Gepflogenheiten unterwirft, zumal er dadurch seine Hilflosigkeit und die Ohnmacht des Kaisers ausgedrückt hätte. Genauso ist der Kreuzestod eine römische Strafe, die kein jüdisches Gericht verhängen durfte. Aber dem jüdischen Evangelisten geht es nicht um weltgeschichtliche Korrektheit, sondern um die Heilsgeschichte seines eigenen Volkes mit Gott. Er versteht nicht, was abläuft. Israel und der Messias kommen nicht zusammen, obwohl sogar Rom zu vermitteln versucht und alle Verheißungen der Propheten stimmen.

Doch nach Matthäus ist die Menge vor dem Palast des Pilatus aufgehetzt und unfähig, Jesu Bedeutung zu erkennen. In ihrem Wahn brüllt sie: „Sein Blut – über uns und unsere Kinder!“ Mit dem Schrei bekräftigt sie, dass sie Jesus für schuldig hält. Denn sonst hätte sich der Ruf gegen die Schreienden wenden können. Nur wer felsenfest glaubt, durch das Todesurteil über einen anderen Menschen nicht schuldig zu werden, ist bereit, sein Blut auf sich zu nehmen. Nur in der Überzeugung, dass Jesus auf jeden Fall verurteilt werden muss, weil er Gott gelästert hat, lässt sich so reden.

Mein alter Pfarrer hat mich immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Leidensgeschichte ein innerlich verwundeter Jude geschrieben hat, der trotzdem nicht über sein eigenes Volk urteilt. Um Schuld geht es ihm nicht. Ihn verletzen die Schriftgelehrten und Theologen seines Volkes, die die Hinweise der Heiligen Schrift überlesen und Jesus verkennen. Wie können sie so hasserfüllt über Jesus urteilen! Tief enttäuscht berichtet Matthäus über diese Ereignisse. Letztlich schimmert aber seine Überzeugung durch: Gott lässt Jesus und sein Volk nie im Stich. Darauf dürfen auch wir am Beginn der Karwoche hoffen. Gott wird uns retten.