Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

20.10.2019

Was wird Er in mir finden?

„Wenn der Menschensohn kommt, wird er wohl Glauben finden auf Erden?“ Der Satz ist eine Wucht. Ja, was wird Er finden, wenn er einst wiederkommt, wenn er mich und seine Kirche wie ein Röntgenbild in das österliche Gegenlicht hält und fast ungeduldig auf unseren Glauben – wartet? Was wird er entdecken, wenn er ins Verborgene schaut und mein Herz und das Innenleben der Kirche ausleuchtet? Auf welche Bodenschätze wird er stoßen, in welch gähnende Leere und Dunkelheit, Enge und Kälte wird er hineingreifen? Wird er auf Leben stoßen tief in mir, auf Sehnsucht nach Licht? Auf guten Willen und ehrliche Versuche? Wird er überhaupt an mich herankommen, wenn er sich auf die Suche macht nach Glauben? Oder wird er abprallen und draußen vor der Herzenstür stehen bleiben müssen? Was haben wir dem bittenden und suchenden Menschensohn zu bieten? Wird seine Himmelsgeduld mit mir doch bitter enttäuscht werden, weil ich ihm nicht einmal meine Leere anbiete, mein tiefes Bedauern, meine Scham? Vielleicht können wir die düstere Prognose wagen: Wenn er wiederkommt, wird er eine Menschheit und Kirche finden, in der sich das Beten nicht mehr von selbst versteht. Womöglich ist der Schatz des Glaubens ganz tief versteckt unter dem Geröll der Zeit, beinahe versunken im Meer der Gleichgültigkeit.

War es jemals anders? Verstand sich im „frommen“ Mittelalter das Beten, das Glauben wie von selbst? Vielleicht wird der Menschensohn eine Gemeinde antreffen, die sich durch so total verrückte Gleichnisse wie das eben Gehörte aufrütteln lässt. Der Gleichniserzähler Jesus will eine Kirche, die weiß, was sie tut, wenn sie im Vaterunser dem Herrn im Ohr liegt: Dein Reich komme. Und deine Gerechtigkeit. Unverzüglich! Subito!

Schreiender Glaube

Glaube lebt und äußert sich im Gebet. Sobald wir diese Sprache verlernen, verdunstet der Glaube. Wir sammeln uns im Gottesdienst und blicken – wie Juden vor der Westmauer des Tempels – auf eine schweigende Mauer. Rennen wir uns an ihr die Nasen blutig? Was tun wir hier? Gebetsfrust nimmt mir den Schwung. Zweifel nagt in meinem Herzen, schmerzt wie der Muskelkater in den Armen des betenden Mose in der eindrucksvollen ersten Lesung heute. Und doch sind wir da und schenken Gott – Zeit: Ich möchte dranbleiben an ihm, will ringen mit ihm. Ich stelle mich ihm. Vielleicht ist diese heilige Messe der einzige Moment in der Woche, in der ich zu beten versuche …

Jetzt ist die Zeit und die Stunde, in der Er sein „Fernrohr“ auf uns richtet. Nun ist er gespannt, was mir auf den Lippen liegt: der unterdrückte Schrei, der beinahe unhörbare Jubel, die stumme Bitte, das staunende Lob. Aus allem, was wir ihm in dieser Gottesdienststunde vorstottern oder was die Rosenkranzbeter und -beterinnen in diesem Oktober murmeln, will er unsere urpersönliche Stimme heraushören – meinen Schrei, meinen Notruf, meine Anklage. Wenn er also kommt und in mir zu suchen beginnt, entdeckt er vielleicht keinen tollen Wort-Schatz, nicht die kostbare Perle wohlformulierter Gebete. Eher nimmt er meinen Kleinmut, meine Lustlosigkeit zu beten wahr. Er muss mein fehlendes Vertrauen, meine Enge und Ratlosigkeit aushalten. Tief beugt Er sich zu mir herab, um mich wach zu rütteln und zu fragen, wie leidenschaftlich ich noch bete und was ich mir von Ihm noch ernstlich erhoffe.

Gott auf den Wecker fallen

Gerade wegen unserer Gebetsnot lassen wir uns von Jesus hineinziehen in ein merkwürdiges Gleichnis. Das ist kein helles Bild des Himmelreiches, auch kein „frommer Verzell“ (wie man im Rheinland sagt), in dem wir den immer „lieben“ Gott schönreden. Nein, da ist Gott tief verborgen in einem unnahbar gewordenen, korrupten Richter und Machtmenschen. Gott sucht sich in der Fantasie Jesu keine erhabenen und heiligmäßigen Figuren; er lässt sich vergleichen mit einer schäbigen und unsympathischen Gestalt, mit einem schlappen Richter, der Angst hat, im Kampf mit der Frau den Kürzeren zu ziehen und sich ein blaues Auge zu holen. Man könnte sagen: In diesem Gleichnis malt Jesus die dunkle, fremde Seite Gottes, seine kühle Zurückgezogenheit, sein Schweigen. Er malt Gott also so, wie viele enttäuschte Beterinnen und Beter das Gottesgeheimnis erfahren: Nicht jede fromme Anstrengung, nicht jedes inbrünstige Gebet ist von „Erfolg“ gekrönt.

Heilige Unverschämtheit

Markanter als der im Richter versteckte Gott ist jedoch die Frau, die uns Jesus präsentiert; mit nervender Penetranz fällt sie dem Mächtigen auf den Wecker. Sie schreit nicht, sie ist ein Schrei. Ein Mensch, der sich weigert, sein ungerecht behandeltes und beschädigtes Leben zu akzeptieren; eine Kämpferin, die sich nicht still und kleinlaut in ihr Schicksal fügt. Die dramatische Begegnung wird zum Gleichnis für diesen Gottesdienst, auch für unsere Fürbitten: Gebet, das Klage ist und Anruf, lautes Klopfen und Ringen. Gebet, das an Rettung glaubt und sich nicht abspeisen lässt; Gebet an der beinharten Mauer des schweigenden Gottes. Diese Frau ist bewundernswert – wie Jakob, der mit dem nächtlichen Gegner ringt am Fluss Jabbok (vgl. Gen 32,23-35). Und diese Frau ist uns so fremd im unverschämten Übermut ihres Ringens, drängelnd wie eine Nervensäge.

Viele Getaufte haben das Beten abgebrochen. Ist Beten unanständig? Heute fällt ein Beter buchstäblich aus der Rolle, er bricht ein Tabu und tut Unschickliches. Mir sagte jemand: Heute wäre es bei einer Party normaler, wenn sich die Gastgeberin nackt auszöge und einen „Tabledance“ hinlegte, als wenn sie laut ein Tischgebet zu sprechen begänne. Das wäre unerträglich, unanständig, die Verletzung der religiösen oder nicht mehr religiösen Gefühle der Gäste.

Die Frau, die Jesus im Gleichnis auftreten lässt, vergreift sich im Ton, während ich und Sie mit gewählten und wattierten Worten beten. Die Namenlose wird zum Urbild einer wachen Kämpferin („Maria 2.0“). Beten ist die Kunst, Gott lästig zu fallen. Beten ist der lange Atem, hartnäckig dranzubleiben, koste es, was es wolle. Beten ist der Schrei der Menschen, die sonst nichts mehr zu verlieren haben, die „nur“ das nackte Lebensrecht einfordern. Die Frau will keine Barmherzigkeit, keine Gnade, keine Vergebung, keine Vertröstung mit guten billigen Worten, sie fordert allein ihr gutes Recht.

Wie viele Menschen schreien jetzt, während wir Gottesdienst feiern: Schreie des Entsetzens, Schmerzensschreie, lautlose Schreie … Es sind Mütter von in den Krieg eingezogenen Soldaten, Angehörige von Verschütteten, Menschen an den Wallfahrtsorten vor den Gnadenbildern und am heiligen Felsen von Lourdes; Gläubige, die Maria an ihre Seite ziehen wollen, damit sie bei Gott ein gutes Wort für sie einlegt …

Wir wagen nun das schwere Handwerk zu beten. Wir tun es leiser, zaghafter, armseliger, leidenschaftsloser als diese Frau. Komm, Heiliger Geist, und falle ein in unsere Worte! Wenn er kommt und uns packt, dann blitzt auf: Ich bin im Gebet etwas losgeworden, eine Last, die mein Herz bedrückt; ein Gift, das meine Gedanken und Träume vergiftet; eine Blindstelle, damit ich klarer zu sehen beginne …

Das Schönste, was der Menschensohn finden kann, wenn er nicht nur am Ende der Tage auf seine Erde kommt, ist mein unhörbarer Schrei, mein Versuch, vor ihm wach zu bleiben, meine Sehnsucht nach ihm, mein Bedarf nach mehr Licht und Wärme, mein Tasten an der Klagemauer. Gott, bete du in uns, wo wir es nicht können; sieh auf unsere leeren Hände und lass deine uralten Wunder hier und heute geschehen! Amen.