Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

24.06.2018

Sommerkirche im Herbst

Es wird Sommer, Hoch-Zeit des Jahres. Darauf habe ich gewartet. Ich gestehe, dass der Sommer meine Lieblingsjahreszeit ist. Sie haben vielleicht andere Vorlieben. Aber für mich läuft alles auf die Sommertage hinaus. Und jetzt ist der Sommer da. Wenn ich mir die Ewigkeit vorstelle, dann so, dass sie ein nie aufhörender Sommer ist, Atmen in einem wärmenden, nie schwächer werdenden Licht. „Das Jahr steht auf der Höhe“ (GL 465) – und zugleich auf der Kippe. Dieses weite Zeitfenster, das der Herr der Zeiten uns im Frühsommer auftut, ist ein einziges Lob der Verschwendung. Sie ist (anders als der Geiz) keine Todsünde. Genießen wir die verschwenderische, von Sonnenlicht überflutete Zeit! Gott geht großzügig um mit Licht und Wärme; in der Schöpfung präsentiert er uns eine üppige Fruchtbarkeit, einen Prunk an Farben und Gerüchen. Die Sonne spielt mit, beschert uns lange Tage, Lichtglanz und hoffentlich angenehme Temperaturen. Ja, der Schöpfer knausert nicht, er handelt verschwenderisch, er geizt nicht mit seinen fantastischen Einfällen. Etwas Grenzenloses und Maßloses liegt in der Luft, wie ein großes Versprechen. Man möchte diese Zeit der Fülle (des Spargels und der Erdbeeren) anhalten und konservieren.

Doch lassen wir es uns vom Himmel her gesagt sein: Heller wird’s nicht! Der Sommer kommt, und er wird gehen. Das Heu wird gewendet und das Jahr auch. Das Jahr nimmt nun wieder sachte Kurs auf Weihnachten. Irgendwann kommen härtere Stunden, und das muss bewältigt werden. Manche Zeitgenossen sagen, das stimmt: Sommer ist’s! Doch in der Kirche fühlt es sich eher wie Herbst an. Von verschwenderischem Überfluss keine Spur! Die Bedeutung der Kirche schwindet. Soviel Abnehmen, Sich-Zurücknehmen war nie!

Auch die Kirche steht in der Zeit. Eine Kirchengestalt nach der anderen vergeht. Es gibt starke und schwache Zeiten, Werden und Vergehen. Manches geben wir in dieser Kirchenzeit freiwillig aus der Hand, anderes wird uns entrissen, wieder anderes lassen wir nur sehr unfreiwillig los. Was war Ballast und was bleibt auch in Zukunft unverzichtbar? Die Kirche, auch wenn sie sich allzu selbstbewusst als „Haus voll Glorie“ versteht, ist vergänglich, ja sterblich. Es gab Erfolgszeiten, da konnte die Kirche diese harte Wahrheit vergessen, übertünchen; doch nun ist es offensichtlich: So vieles in unseren Gemeinden steht eher im Zeichen der Verknappung, des Schwächelns, des Abschiednehmens, des Rückzugs „aus der Fläche“, der inneren und lautlosen Emigration so vieler Christen, die sich als heimatlos und geistlich obdachlos erfahren. Viel Abschied von Liebgewordenem, viel Lichtverlust und wehmütige Erinnerung an das, was unwiederbringlich verschwunden ist.

Manche fragen besorgt: Ist das gegenwärtige Kirchen-Zeitalter noch Herbst, tasten wir uns im Nebel voran? Oder wird es noch ungemütlicher und kühler, steht uns der Winter, der Tiefpunkt erst bevor? Oder ist es die Wende in einen Kirchenfrühling, sind zaghafte Neuanfänge zu ahnen? Sollte die Kirche also Sommersonnenwende feiern oder eher Wintersonnenwende? Wir können uns kein Sommermärchen einreden: Die Schatten werden länger, die Ratlosigkeit wächst. Es steht noch dahin, ob die vielen (zum Teil von oben verordneten) Umbrüche Aufbrüche oder Abbrüche sind. Kein verschwenderischer Umgang mit dem geistlichen Reichtum prägt unsere Tage, eher Kargheit und Verdichtung aufs Kerngeschäft, eher Sondieren, Sparen, Kalkulieren, Konzentrieren.

Sie könnten sagen: Lassen Sie das Jammern und Schwarzmalen mal sein! Jetzt ist die Zeit, den Sommer zu genießen. Nun kommt erst einmal die Phase der Lebenslust, der Lebensfreude. Die Schöpfungszeit predigt Helleres. Wir würden dem Schöpfer unrecht tun und undankbar sein, wenn wir den Überfluss und Gottes bunte Gnade geringschätzten. Auch die Gemeinde taucht ein in die Sommerpause, macht Urlaub, will sich von den Mangelerscheinungen und Verlusten eine schöne Zeit lang nicht beherrschen lassen. Jetzt wollen wir öfter draußen sein. Nun beginnt der Augen-Blick, von dem Gottfried Keller sagt: „Trinkt o Augen, von dem goldenen Überfluss der Welt!“ Saug den Sommerduft, genieße die langen, wenigen tropisch warmen Abende, diese sinnliche Zeit, die betörende Hitze, den Sieg des Lichts, die weiten Felder, reifen Früchte, das kühle Bier, das leckere Eis, den Flug der immer seltener werdenden Bienen und Glühwürmchen …

Ein herbstlich-herber Typ

Da tritt uns heute ein Heiliger in den Weg, der mit seinem zotteligen Fell-Gewand eher an raue Herbsttage erinnert, an Übergangszeiten und Stunden, in denen es ernst wird. Der „wilde Hans“ taucht auf, und sein Geburtstag überdeckt den Herrentag. Wir kennen nicht das Datum seiner Geburt, nur Lukas erzählt von einem 6-Monats-Abstand zu Christi Geburt. An Johannes‘ Wiegenfest war noch offen, was aus ihm wohl werden wird. Mit ihm tritt der Vorläufer auf den Plan, den Jesus brauchte. Im Advent bringt sich Johannes beinahe penetrant in Erinnerung. Früher hat er mich da genervt: Was will der Störenfried? Er imponiert durch seine strenge Konsequenz, und er trübt die Stimmung. Er weckt das Gewissen: Du musst dein Leben ändern! Er ist kein „softer Typ“, sondern ein Mann ohne Zaudern, voller Saft und Kraft, ein zorniger Prophet, hartnäckig; jemand, der mich nicht mit Aufschub von der Umkehr und ungeschoren davonkommen lässt. Er mutet und traut mir die Umkehr zu, das Zurücklassen der schlechten Gewohnheiten. Er lädt ein zum Tauch-Bad, das uns zu neuen Menschen werden lässt. Johannes, ein ganz Strenger; vielleicht fröstelt es uns, wenn er seine Stimme erhebt. Johannes ist ein Mann, der auftaucht und sich dann wieder zurücknimmt. Er hatte seine starken Stunden und wird dann ganz klein, er predigt lauthals und muss aushalten, dass Jesus anders ist und anderes predigt. Auf einmal wird es still um diese Stimme, im Kerker des Herodes bricht sie ab. Johannes muss lernen: Ich bin nicht die Hauptsache, auch wenn ich mit allen Fasern meiner Existenz aufs Ganze gehe. Darum ist er der von Jesus(!) Heiliggesprochene, der zeitlich befristet eine unverzichtbare Aufgabe hat.

„Johannes, nimm dich nicht so wichtig“, so beschrieb ein Papst gleichen Namens sein Selbstverständnis. Er hätte den Täufer zitieren können. Johannes, der Mann der Übergangszeit, war nur eine seltsame, vorläufige Zeigefigur auf der Schwelle zum unausdenkbar Neuen.

Kirche im Dazwischen

Kirche muss nicht nur Maß nehmen an Maria und Petrus, sondern auch am Geschick dieses Johannes. „Johannes Battista“, das ist der passende Taufname jeder Kirche. Kirche befindet sich wie Johannes im Dazwischen. Dies ist ein Dazwischen, das den Zugang zu Christus nicht blockieren oder ersetzen darf. Die Kirche ist nur Wegweiserin. Sie ist nicht „Lumen gentium“, sie weist hin auf das „aufstrahlende Licht aus der Höhe“, das der Vater des Johannes – Zacharias – besingt.

Am Geschick des Täufers und an der stummen Predigt der Jahressonnenwende spiegelt sich wider, was auf die Kirche zukommt, wenn sie sich als eine Gemeinschaft von Zeuginnen und Zeugen versteht: Kirche, nimm dich nicht zu wichtig! Sonne dich nicht im Glanz früherer Erfolge! Halte nicht krampfhaft an überholten Privilegien und Statussymbolen fest! Der lange Zeigefinger, mit dem wir Getaufte in Wort und Tat auf Christus weisen, ist wichtig, wichtiger als jeder womöglich goldene Siegelring an irgendeinem Finger. Die Kirche übt sich in ihre nur „vorläufige Rolle“ ein, wenn sie suchende Menschen nicht um ihrer selbst willen an sich klammert, sondern loslässt und weiterleitet und ihnen Christus gönnt. Johannes tat das, indem er später selbstlos seine eigenen Jünger hinwies auf den, der als das „Lamm Gottes“ seine Wege ging. Die Menschen dürfen, sollen überlaufen zu Christus. Johannes ist groß, weil er das guthieß. Wenn Christus wirklich wachsen soll, dann muss ich mich, dann muss sich Kirche zurücknehmen.

Seltsam also: Wir feiern heute Geburtstag eines „starken Typen“, der doch sagt: Ich bin es nicht, bin nur verklingende Stimme, nur Wegweiser, Weg-Weiser, von mir weg auf den Unverwechselbaren, auf den es ankommt. Diesen Geist der Selbstvergessenheit feiert Kirche in der Sonnenwende. Wie Johannes darf ich mir ohne Verbitterung eingestehen: „Ich bin ein Sucher / eines Weges / der breiter ist / als ich“ (Günter Kunert).
Kurt Josef Wecker

Bildbetrachtung
„Schon im Mutterleib berufen“ – Marienaltar von Buchschwabach (Detail)*

Faszinierend, dieses Detail aus dem Altar einer Dorfkirche! Als hätte man um 1500 schon um Ultraschallbilder gewusst! Was da schon alles zu sehen ist! Nackt liegt das Jesuskind auf goldenem Stroh, Johannes trägt schon den Überwurf aus Kamelhaar – und kniet mit gefalteten Händen vor dem kleinen „Größeren“! Keine Spur von „Hüpfen“, wie Lukas in der Begegnung von Maria und Elisabet die Freude des ungeborenen Johannes schildert, sondern ehrfürchtige Anbetung.

Das erste Ultraschallbild – was für ein Glück für werdende Eltern! Wo die Welt noch nichts sieht vom jungen Leben im Bauch der Mutter, hat sie nun einen handfesten, herzeigbaren Beweis. Wo Unbeteiligte nur ein paar helle Flecken im Grau-Schwarz wahrnehmen, kann die Mutter nicht genug bekommen, ihr verborgenes Baby zu bestaunen. Ärztin oder Arzt können in den Nuancen von Schwarz und Weiß zeigen, was festes Gewebe ist und was Fruchtwasser, können zudem recht gut einschätzen, ob die Entwicklung des Fötus geordnet verläuft. Laien erkennen in der zwölften Woche nur seinen Kopf, in der 20. Woche eventuell Wirbelsäule, Augen, Füße und das Herz. Aber kein Mensch könnte jetzt sagen, was aus diesem Kind einmal werden wird. Die allermeisten Eltern haben auch keine konkreten Vorstellungen und Wünsche, außer dem einen: dass ihr Kind sich wohlfühlt und dass es hoffentlich gesund heranreift. Niemand käme auf die Idee, diesem „Pünktchen“ oder dieser „Bohne“ schon eine bestimmte Karriere zuzuschreiben oder gar aufzuhalsen.

Vielleicht wird man im Rückblick einmal sagen: Dies oder das – Sportlichkeit, musikalisches Talent, Forschergeist – war dem Kind „schon in die Wiege gelegt“. Der Prophet in unserer ersten Lesung geht noch einen Schritt weiter zurück. Er weiß: „Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Er, dessen Namen wir gar nicht kennen, erlebt sich vom ersten Moment an gerufen. Ihm ist, als hätte es nie etwas anderes gegeben, als von Gott in Dienst genommen zu sein. Vielleicht war er ein Schüler Jesajas und wurde ihm deshalb als „zweiter Jesaja“ (Deuterojesaja) beigeordnet. Im Exil übernimmt er den Auftrag, das Volk zum Vertrauen in Gottes rettende Kraft zu ermuntern und ihm Gottes Trost zuzusprechen. (Von ihm stammen die vier Gottesknechtslieder, die später den jungen Christengemeinden halfen, die Sendung Jesu und auch sein Scheitern im Einklang mit dem Willen Gottes zu sehen.)

Unsere Lesung aus dem zweiten Lied vom Gottesknecht deutet heute den Lebensauftrag Johannes des Täufers: Er ist den Evangelien zufolge das „scharfe Schwert“, der „spitze Pfeil“ im Köcher Gottes. Von Gott lässt er sich „einspannen“, um „Jakob heimzuführen und Israel bei ihm zu versammeln“. Dieser alte Text – 500 und mehr Jahre älter als der Täufer – geht auch schon über Johannes hinaus: Am Schluss der Lesung heißt es: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten (…). Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis ans Ende der Erde reiche (Jes 49,6).

Da tritt für uns eindeutig der ins Bild, den der „Ultraschall-Johannes“ auf dem Bild schon anbetet. Der Maler Hans von Heidelberg trifft, was der Rückblick des Evangelisten Lukas hervorhebt: Beide, Jesus und Johannes, waren „schon im Mutterleib berufen“. Und beide Mütter – die junge und die alte (mit Gichtfingern und Krückstock) – waren ähnlich glücklich, wie heutige Mütter es sind, wenn sie das erste Ultraschallbild ihres Babys bestaunen.