Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

12.07.2020

Gleichnis Königskerze

„Bleiben Sie zu Hause!“ Vielleicht mag der Eine oder Andere diesen Appell nicht mehr hören. Die vergangenen Wochen und Monate haben unseren Aktionsradius stark reduziert, aber zugleich unsere Augen geöffnet. Wir hatten mehr Gelegenheit, im Haus und ums Haus herum genauer hinzuschauen. Mir fallen immer Pflanzen auf, die sich zwischen den Pflastersteinen hochzwängen, die sich trotz widriger Umstände behaupten. Das sind oft der Löwenzahn und das Gänseblümchen oder eine Blume, die ich besonders liebe. Sie wird im Schwäbischen oft Wetterkerze genannt, botanisch richtig heißt sie Königskerze, auf Lateinisch „verbascum densiflorum“. Jedes zweite Jahr kommt sie zum Blühen und wächst bis zu einem zwei bis drei Meter hohen Stängel heran. Vor allem wenn später im Jahr Seitentriebe entstanden sind, sieht sie mit ihren hell- bis sonnengelb leuchtenden Blüten aus wie ein Kerzenleuchter. Diese stattliche Pflanze zieht Insekten und Schmetterlinge an und ist ökologisch sehr wertvoll. Als alte Heilpflanze ist sie auch dem Menschen sehr nützlich, vor allem bei Husten und Heiserkeit. Dieses Braunwurzgewächs wird auch Wetterkerze genannt und heißt vermutlich deswegen so, weil es jedem Wetter zu trotzen vermag. Auch im stärksten Gewittersturm bleibt die Wetterkerze stehen. Sie hat eine starke und stabile Pfahlwurzel, die ihr sicheren Halt verleiht. Die hohe Elastizität des Stängels sichert ihren aufrechten Wuchs. Was mich besonders fasziniert, sind die winzig kleinen schwarzen Samen. Man kann es kaum glauben, dass so ein Winzling eine so prächtige Königskerze hervorbringen kann. Und weil der Same so klein ist, vermag diese Prachtblume auch in einem schmalen Spalt zwischen Steinen Fuß zu fassen. Für mich ist diese Beobachtung ein Zeichen der Hoffnung, dass bei uns, auch unter den Zwängen des Alltags, Gottes Wort gedeihen kann.

Nehmen wir diese Pflanze zum Ausgangspunkt dafür, Jesu Gleichnis zu verstehen, und das, was er damit sagen will, wahrzunehmen. Jedes Samenkorn, das in die Erde fällt, hat seine Entsprechung im fruchtbaren Boden. Das Wort Gottes, das an uns gerichtet wird durch die Verkündigung des Evangeliums, findet seine Entsprechung im Grunde unseres Herzens. Da will es ankommen und gedeihen. Wie das nun aber vor sich geht, ist staunenswert, doch nicht wirklich erklärbar. Gott selbst ist der eigentliche Absender seines Wortes und „macht“ es irgendwie. Das Vertrauen in diese Macht ist grundlegend. Deshalb kommt es darauf an, dass überhaupt verkündet wird, damit wir das Wort Gottes hören und empfangen können.

Hundertprozentige Zuversicht

Der Evangelist Matthäus hat die Botschaft Jesu so weiterinterpretiert, dass sie den Umständen seiner Zeit realistisch entspricht. Es kommt bei ihm nicht auf einen flächendeckenden Erfolg an, sondern dass die Saat des Wortes Gottes in den Menschen irgendwie und irgendwo und irgendwann aufgeht. Matthäus beschreibt wie die anderen Synoptiker auch die Umstände, was in der Natur für das Aufgehen und Sprießen der Saat gedeihlich oder abträglich sein kann. Damit bleibt er auf dem Boden der Tatsachen. Trotzdem hat er darüber hinaus das Reich Gottes im Blick, auf das hin alles zuläuft.

Um die Hörer auf dem Weg in sein Reich mitzunehmen, ist das Wort Gottes ausgesandt. Es verfehlt seine Wirkung nicht. Das haben wir aus der Lesung des Propheten Jesaja veranschaulicht und versichert bekommen. Es ist eine Zusage und eine Vergewisserung, die über unser eigenes Können hinausgeht. Wenn also die Einen vom Wort Gottes spontan ergriffen werden und die Anderen scheinbar nicht oder erst später oder wer weiß wann, dann liegt das nicht in unserer Hand.

Bei der landwirtschaftlichen Arbeit oder im Garten ist es auch nicht möglich, vollständig nachzuprüfen, welches Samenkorn aufgeht und welches nicht. Der Schwund ist einkalkuliert. Ist denn beim lieben Gott auch „Schwund“ einkalkuliert? Weit gefehlt! Wir können mit großer Gewissheit festhalten, dass Gott das Heil aller Menschen will. Er plant keinen „Schwund“. Ihm ist ja gerade jeder einzelne Mensch so wertvoll, wichtig und einmalig, dass er für einen jeden seinen Sohn dahingab. So bleibt uns die Hoffnung, dass Gottes Wort aus sich heraus mehr bewirken kann, als wir ahnen.

Der Same geht auch zwischen Steinen auf

Wenn wir nun wieder auf das Bild der Königskerze zurückkommen, sehen wir, dass ihr Same sogar zwischen den Steinen aufzugehen vermag. So wird es auch möglich sein, gerade nach Ostern und durch das Pfingstfest, dass der Same des Wortes Gottes sogar in einem Herzen aus Stein aufgehen kann: „dazwischen“. Manchmal sagen wir ja auch: „Es ist zum Steine-Erweichen.“

Schon als Kinder haben wir gelernt, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat. Also besteht zwischen Schöpfer und Geschöpf eine Verwandtschaft dem Wesen nach, die bewirkt, dass „die Verbindung gehalten wird“. Der Evangelist Matthäus stellt im Gleichnis nicht den Sämann in den Vordergrund, der Vorgang des Säens ist ihm wichtiger. Selbst wenn das Hören und Sehen und Erkennen hier noch auf die Jünger eingegrenzt wird, so ist doch die Botschaft vom Reich Gottes durch das Wort Gottes global gemeint und soll die ganze Schöpfung erreichen.

Die Tatsache, dass es nach gut zweitausend Jahren Christen gibt in aller Welt, bestätigt, dass Gott in seinem Wort unzählige Male herzlich empfangen wurde und wird. Dieses Werden hat für mich etwas Faszinierendes. „Es wird schon werden“, machen wir uns Mut. Dafür ist das persönliche Dazutun sehr maßgeblich. Jede Saat braucht das Wasser, das spüren wir auch dieses Jahr wieder sehr. Ohne das kostbare Nass aus den Wolken bleibt alles trocken. Ohne die Gabe des Heiligen Geistes von oben können wir nicht erwarten, dass das Wort Gottes richtig verstanden wird, dass es gedeiht und uns aufrichtet.

Ich schaue wieder auf die Königskerze und wünsche mir deren Wuchs und Elastizität für meinen eigenen Glauben. Auch wenn sie auf die Seite gebeugt wird, richtet sie sich wieder auf. Und selbst wenn sie nur noch gebeugt dasteht, ist sie für mich ein wunderbares Zeugnis. Gott hat seine schöpferische Dynamik in Korn und Pflanze gelegt. Wie viel mehr vermag er sein Wort durch den Heiligen Geist in dir und mir und in jedem Menschen hundertfach fruchtbar zu machen.

Karl Enderle