Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

10.12.2017

Selbstwert-Mittel – gibt es die?

„Weil ich es mir wert bin.“ Viele von Ihnen kennen diesen Satz aus der Werbung einer Kosmetikmarke sicher genauso gut wie ich.
Als ich den Satz zum ersten Mal hörte – ich erinnere mich gut daran –, hatte ich dazu ein ausgesprochen zwiespältiges Empfinden. Einerseits hörte ich diesen Werbeslogan mit dem Ohr eines Menschen, der noch etwas vorhat. Mir imponierte, wie da in ein paar Worten zum Ausdruck kam: Da ist jemand selbstbewusst und sich der eigenen Ziele bewusst.

Aber da war noch das andere Ohr – das katholische: „Ich bin es wert“ – ja, durfte man denn das so sagen? Noch dazu „mir“? „Mir wert“? Das klang in der Kirche immer anders. Der Sohn, der zum barmherzigen Vater zurückkehrt, tut es mit den Worten: „Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Und dann, natürlich, jeden Sonntag der Satz: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach …“

„Weil ich es mir wert bin“ – nachdem Jane Fonda, Iris Berben, Heike Makatsch und Lena Meyer-Landrut diesen Satz gesagt haben, habe ich mich daran gewöhnt. Aber die Frage bleibt: „Darf“ ich das so sagen? In Zeiten, in denen Menschen sich selbst, ihr Anliegen, ihr Land an Platz eins setzen wollen und objektiv den eigenen Stellenwert völlig falsch bewerten, ist es riskant, diese Frage angemessen zu erörtern. Erst recht klingt es komisch, sich den eigenen Wert durch ein Shampoo, eine Creme, eine Haarfarbe bestätigen zu wollen. Das kann die Lösung nicht sein, sonst gäbe es mehr selbstbewusste Menschen auf der Welt.

Ich bin es wert, weil…

Doch nehme ich Sie vom Kosmetikstand einmal ein Stück mit in einen ganz anderen Bereich, in den der Bibelwissenschaft. Schauen wir uns die anderen Botschaften noch einmal an, diejenigen, die das katholische Ohr erreichen. „Vater, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“, so lautet der eine Satz. Den anderen, „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“, werden wir gleich vor dem Kommunionempfang bekennen.

Und da ist nun heute auch noch der Satz, den Johannes spricht, mit dem er auf das Wirken Jesu vorbereitet: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.“

Was wir in der deutschen Übersetzung nicht hören: Hier sind im Originaltext unterschiedliche Worte verwendet worden. Die beiden ersten Sätze stammen aus dem Lukasevangelium. Hier steht für unser Eigenschaftswort „wert“ das Wort „axios“. Es meint: Da ist jemand etwas wert, weil er oder sie etwas dafür getan hat. Das hat seine Berechtigung, dass wir uns an diese Sätze anlehnen, wenn wir beten, denn der Weg christlichen Glaubens ist ein Weg gelebter Praxis.

Doch genau deshalb kann „axios“ auch ein riskantes Eigenschaftswort werden: Wert ist nur, wer es sich verdient hat. Wer den Wert eines Menschen so bestimmt, spricht von der Machtzentrale aus. Gerade Vorfälle aus der jüngeren Kirchengeschichte rund um Kinder und andere Schutzbefohlene, die körperliche und seelische Gewalt erfahren haben, zeigt die Tücke des griechischen Wortes „axios“. Du bist erst etwas wert, wenn du dich so verhältst, wie ich es sage. Sonst habe ich jedes Recht, dich zu erziehen, mit welchen Mitteln auch immer.

Leider haben wir häufiger erlebt, was passiert, wenn der Satz zur Botschaft derjenigen wird, die Macht haben in der Kirche. Dann führt sich die Kirche als „vollkommene Gemeinschaft“ auf, in der es keine Unvollkommenheiten geben darf. Und wenn es sie doch gibt? Dann soll der Satz „Ich bin es nicht wert“ die Einstellung sein, die ihre unzulänglichen Zöglinge an den Tag legen, auf dass die schon perfekten Machthaber sie zur Vollkommenheit führen. Daraus folgen, wie automatisch, verquere Demutsübungen, die dem anderen die Würde nehmen.

Mein Wert in Relation zu Gott

Aber der Satz, wie Johannes ihn sagt, spricht nicht vom Wert, den man sich erst verdienen muss. Der Evangelist verwendet hier das Wort „ikanos“: etwas wert sein ohne Vorleistung. Johannes erkennt einsichtig: Er ist nicht so viel wert wie der Gottessohn. Das ist, sozusagen, eine Binsenweisheit, versteht sich von selbst, das ist völlig klar: Zwischen Gott und Mensch, zwischen Christus und Johannes, zwischen Gott und mir ist ein Qualitätsunterschied. Natürlich.

Dennoch ist Johannes etwas wert. Wertvoll genug, eigene Schüler zu faszinieren. Wertvoll genug, auf Jesus hinzuweisen. Wertvoll genug, dass wir ihn heute noch kennen und als Vorläufer Jesu bekennen.

„Ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Schuhe zu binden“: Das ist kein Satz, der geeignet wäre, die Kleinen noch kleiner zu halten, die Unbedeutenden noch unbedeutender zu machen, die Opfer noch stärker der Gewalt auszusetzen. Es ist ein Satz, der die Mächtigen mahnt. Der andere, dieser Mensch da, dem du gegenübertrittst, so klein dieser Mann, diese Frau dir auch scheinen mag: Darin begegnet dir Christus. Für diesen anderen Menschen ist Christus Mensch geworden. Der andere, die andere mag klein sein, aber du bist es auch – gemessen an Gottes Sohn.

Ganz gleich, wie groß, wie bedeutend du bist: Du mächtiger Mensch bist es nicht wert, dich zu bücken vor dem anderen, dem vermeintlich kleineren. Ihr seid schon auf Augenhöhe. Denn ihr seid beide in gleicher Weise unterschieden von Gott. Nur Gott ist groß, und er ist es in Jesus Christus, der sich so klein macht, um in die Welt zu kommen. Alle anderen können kleiner nicht mehr sein. So einfach ist das.

Mein Wert für Gott

Was löst das nun bei uns und für uns aus? Eine amerikanische Pastorin, Nadia Bolz-Weber aus Denver, hat es kürzlich (beim „Jubiläums-Kirchentag“ im Mai) so formuliert: Gott hat mit jedem von uns eine Beziehung, ohne dass wir uns größer, perfekter, schöner machen müssen. Denn er will genau diesen Menschen lieben: dich und mich mit all unseren Brüchen und in all der Schönheit, die er in uns sieht. Ohne anstrengende Heilsübungen oder entwürdigende Demutsleistungen, ohne Shampoo, ohne Creme, ohne Haarfärbung, ohne Kosmetik.

Wir sind es ihm wert.