Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

21.10.2018

Ein teuflisches Angebot

Da steht er: alleine, ganz oben auf dem Gipfel. Macht, Geld, Prestige, Einfluss und Ansehen sind zum Greifen nahe. Lukrative Angebote werden ihm gemacht. Er bräuchte nur noch zuzupacken. Nur noch Ja sagen. Dann hätte er ausgesorgt. Ein Shootingstar. Die einzige Bedingung: er soll auf seine Werte verzichten, seine Ethik drangeben. Das ist der Haken an diesem verführerischen Angebot. Teuflisch gut. Scheinbar. Mehrfach wird er gefragt. Aber er bleibt dabei: Ein überzeugtes, klares Nein! Er bleibt sich selbst treu, will auch noch morgen in den Spiegel schauen und den Menschen, für die er da ist, in die Augen – und letztlich auch Gott. Er ist nicht zu fangen durch all dieser Dinge, die für viele „die Welt“ bedeuten. Braucht weder Applaus noch Glamour noch Rampenlicht.

Wer ist dieser bewundernswerte Mensch? Ist es einer der wenigen Manager oder Politiker, die keine Leichen im Keller, keinen Dreck am Stecken haben? Nein. Sein Name ist Jesus, Sohn eines Zimmermanns aus Nazaret. Als er in die beschriebene Situation gerät, lebt er seit Kurzem im Bewusstsein, der Messias zu sein. Geläutert durch seine 40-tägige Wüstenzeit wird er am Vorabend seines öffentlichen Auftretens, gleichsam als Auftakt seiner Mission mit jenen Versuchungen konfrontiert, die wir alle nur zu gut kennen. Aufrecht und geradlinig, authentisch und unbeirrbar kann er von da an seinen Weg gehen. Sein Lebensmotto: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ fordert er auch von seinen Nachfolgern ein. Diese Schlüsselerfahrung Jesu sollten wir im Hinterkopf haben, wenn wir uns das heutige Evangelium anschauen.

Von Filz, Amigos und Postenheischerei

Was wir in der Politik von Amigoaffären und Postenheischerei kennen, gab es auch in biblischen Zeiten. Zwei Apostel, Jakobus und Johannes, treten an ihren Meister heran: Sie wollen im künftigen Reich links und rechts von Jesus sitzen. Direkte Regierungsbeteiligung würde man heute sagen. Zwei vorab gesicherte Ministerposten als rechte und linke Hand des Chefs. Die besten Plätze schon mal sichern, bevor es richtig losgeht. Das passiert selbstverständlich nicht im offenen Diskurs, transparent für alle Beteiligten. Kein Wunder, dass die anderen zehn Jünger aus dem Häuschen waren, als sie davon Wind bekamen. „Da wurden sie sehr ärgerlich“ heißt es. Auf gut Deutsch: die waren so wütend, dass ihnen der Gaul durchgegangen ist. Hatten sie insgeheim auch schon an so etwas gedacht? Klar: jeder will vorankommen, will hoch hinaus, will einen guten Job bekommen und ganz vorne mitmischen. Da hilft es, wenn man sich persönlich bekannt macht, sich vernetzt, direkt vorspricht und Konkurrenten geschickt ausspielt. Viele schleimen sich ein, buckeln nach oben, treten nach unten und verbiegen sich. Wenn es um die Karriere geht – auch „bei Kirchens“ –, werden ethische Überzeugungen oft hintangestellt. Und die Sieger genießen ihre Privilegien, stellen ihre neue Position zur Schau und lassen ihre bisherigen Kollegen, die dann Untergebene sind, am ausgestreckten Arm verhungern.

Und wie reagiert Jesus?

Jesus verurteilt seine Jünger nicht. Damit erkennt er ihre Bitte an. Natürlich möchten sie ihren Lohn, die seinen Weg so tapfer mitgegangen sind, vieles entbehren mussten und zurückgelassen haben. Der springende Punkt ist auch nicht, dass es in der Kirche, wie Jesus sie sich vorgestellt hat, kein Oben oder Unten gäbe, keine Chefs und Führer, sondern nur gleichberechtigte Schwestern und Brüder. Worauf Jesus kompromisslos Wert legt, das ist die Geisteshaltung, mit welcher Strategie man sich ans Werk macht. Jesus weiß, wie korrupt und menschenverachtend Macht in Religion und Politik ausgeübt wird und wie willkürlich Obere ihre Untertanen behandeln. Genau unter solchen Vorzeichen wird er sterben. Das Kriterium, um im Reich Gottes, in der Jüngergemeinde Jesu nach oben zu kommen, ist die Fähigkeit zu dienen. Wer groß werden und Erster sein will, der sei ein Diener der anderen. So lautet die Kurzformel für die kirchliche Karriereleiter. Dass es in Vergangenheit und Gegenwart zahllose Haupt-und Ehrenamtliche gab und gibt (von der Kurie über Ordensleute bis zum Pfarrgemeinderat einer Dorfpfarrei), die sich unter solchen Bedingungen nicht in den Spiegel schauen können, ohne rot zu werden, ist bekannt. Jeder prüfe sich selbst, bevor er auf andere zeigt.

Ist Dienen antiquiert?

Doch Hand aufs Herz: Wer will heutzutage schon Diener sein? Das Wort hat einen Beigeschmack von Lakai und klingt wie aus der Zeit gefallen. Dienen – das taten vielleicht Untertanen zu Kaisers Zeiten. Dienstmägde und Knechte in Haushalt und Landwirtschaft. Rechtlose Sklaven in der Kolonialzeit. Schlecht bezahlte Angestellte, die auf Gedeih und Verderb auf ihre Herren angewiesen waren und es in viel zu vielen Ländern noch sind. Das Wort kommt auch in der katholischen Kirche ziemlich angestaubt daher. Zahlreiche Frauenorden, die in ihren Namen unendliche Variationen des Dienens durchdeklinieren („Arme Dienstmägde Jesu Christi“, „Dienerinnen der Unbefleckten Gottesmutter Jungfrau Maria“, …), illustrieren ein heute durchaus fragwürdiges Konzept, wie Frau und Dienst in der Kirche kombiniert wurden. Wie oft waren sie Hausangestellte von geistlichen Herren oder billige Arbeitskräfte in den Klöstern. Ist Dienen also antiquiert?

Service als unternehmerische Innovation

Interessanterweise führen uns innovative Dienstleistungsunternehmer auf die Spur Jesu. Sie legen den Akzent genau auf das, was auch Jesus im Auge hatte. Sie stellen die Bedürfnisse des Kunden in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit: Was braucht dieser Mensch? Wo drückt ihn der Schuh? Wie kann man Lösungen anbieten? Das braucht klientenzentrierte Empathie und eine Haltung, die man so beschreiben könnte: Ich tue mein Bestes, um zusammen mit dir dein Problem zu lösen. Das funktioniert nur in einem partnerschaftlichen Dialog. So geht guter Service. Dienen eben. Sich kümmern, und zwar effektiv. Und Gewinner sind beide! Denn wer richtig dient, verdient auch gut. Und ist glücklich dabei. So ähnlich hat auch Jesus seinen Dienst an den Menschen verstanden. Den Blinden an der Straße von Jericho spricht er an und fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Den Mann mit der verdorrten Hand holt er in der Synagoge „in die Mitte“ und gibt ihm im wahrsten Sinn des Wortes seine Handlungsfähigkeit wieder. Die beiden Emmausjünger fordert er auf: „Erzählt mir: Was ist denn da passiert?“ Und am Ende brechen sie mit neuem Mut auf.

Ein solches Dienstverständnis ist aktiv, empathisch und effektiv. Es hilft anderen, den nächsten notwendigen Schritt im Leben zu gehen. Dienen ist der Einsatz für andere. Wer das verinnerlicht hat, entwickelt genügend Fantasie und zündet die nötige Energie. Jacques Gaillot, der ehemalige Bischof von Evreux, hat dies auf die kirchenkritische Formel gebracht: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Insbesondere dann, wenn Verantwortliche ihr Amt vor allem dazu gebrauchen, ihr eigenes Aus- und Einkommen lukrativ zu gestalten.

Klärung der Motivation und Absichten

An der Läuterung der eigenen Motivation und der ständigen Klärung der eigenen Absichten führt kein Weg vorbei. Zu schnell lügt man sich unreflektiert in die Tasche! Jesus war dazu 40 Tage in der Wüste! Die Frage ist: Was wollen wir unternehmen, um ehrlichen Herzens mitbeten zu können, was im Hochgebet der Messe so lautet: „Wir danken Dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“ – Amen.