Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

22.04.2018

Der gute Hirte

Mika hatte sich das alles allein aufgebaut. Dass er Schäfer werden wollte und auf die Firma seines Vaters verzichtete: Kaum jemand hatte dafür Verständnis. Seine Eltern nicht, seine Mitschüler nicht. Abitur machen und sich dann durch Wolle und Schafsmist wühlen? Und damit auch noch Geld verdienen? Verrückt.

Nun fuhr Mika mit seinem alten Kombi den matschigen Landwirtschaftsweg hinauf. Spooky bellte im Kofferraum, wurde aber still, als sie sich der Stelle näherten, wo nun die Herde weidete. So, als müsse auch er sich konzentrieren auf die Arbeit, die ihm bevorstand: die Tiere zusammentreiben, im Pferch halten, bis der neue Zaun stand. Elektrisch gesichert, kein Tier raus, keines rein, das da nicht hingehört.

Für den Umzug wurde es höchste Zeit. Der Spätwinter war kalt gewesen und der Vorfrühling spärlich. Harter Boden, kaum ein Halm, das Wenige, das zu fressen war, schon abgegrast, Mika hatte viel zufüttern müssen. Drüben an der anderen Seite des Hanges sah es besser aus, grüner, saftiger. Dort mussten die Schafe hin, besonders die Muttertiere, die ihre Jungen säugten.

Mika stieg aus dem Auto. Spooky kläffte einmal kurz, und die Schafe hoben ihre Köpfe. Als aber Mika sie rief, da kamen sie. Böcke, Muttertiere, Lämmer, schwarz und weiß, alle liefen sie ihm entgegen. Mit lautem Blöken erwiderten sie seinen Ruf. Immer wieder bewegte es Mika, wie sehr die Tiere auf seine Stimme reagierten. Er war da und ihnen schien alles gut.

Er überließ sie dem schwarzweißen Hirtenhund und nahm das neue Gelände in Augenschein. Die Ecke, sich aneinanderzuschmiegen in der Nacht: da drüben. Futterplatz: hier vorne. Raum: So viel Quadratmeter pro Tier. Das Gehege so, dass er ein Tier isolieren konnte, wenn es geschlachtet werden sollte oder krank war. Ein Platz unter dem Baum, wo sie sich aneinander wärmen konnten in der Nacht und tagsüber Schatten suchen. Frisches Grün. Kein schlecht einsehbarer Abhang, wo man sich die Beine brechen konnte. Eine Tränke, ja, die Zuleitung funktionierte, den Schlauch hatte er bereits letzte Woche gelegt. Und versteckte Plätze zum Säugen der Kleinen. Genug Nahrung. Sicherheit. Zaun rundherum. Fertig.

Er gab Spooky den Befehl, dass er die Herde mit ihm zum neuen Platz führen könne. So zogen die Tiere aus dem engen Pferch an ihm vorbei, als er sie rief, jedes einzelne beim Namen. Dem Leittier gab er einen besonderen anerkennenden Klaps. Die anderen betrachtete er aufmerksam, manche streichelte er kurz, die bei ihm innehielten. Verletzungen sah er, für deren Heilung er sorgen musste. Das war seine Aufgabe. Die Tiere lieben. Die Gefühle wieder im Griff haben, wenn er ein Tier zum Schlachten brachte. Das gehörte mit der Wolle und dem Käse zu dem Teil, der seine Wirtschaftlichkeit sicherte.

So betrachtete er auch den neuen Weideplatz, bevor er den Zaun gut verschloss. Mit einem existenziellen Blick, denn für die Tiere ging es um nicht weniger als ihre Existenz.

Übertragung ins Spirituelle


Der existenzielle Blick ist der Blick des guten Hirten. Wenn diejenigen, die glauben wollen, die Herde sind, dann soll es immer erst um das gehen: Leben. Nahrung finden für Leib und Seele. Sich aneinander wärmen können. Es geht um Verlässlichkeit der menschlichen Beziehungen. Wo ich mit den anderen bin, da bin ich sicher. Ja, auch um den Zaun als schützendes Gehege: Das sind unsere Gebote und Glaubenssätze. Innerhalb derer ist Raum, sich zu bewegen. Und hinter allem geht es um die Stimme, die ruft.

Schauen wir in unsere Kirchen: Da geht es um Zahlen. Um Regeln. Um Schutz, ja, aber manchmal um Schutz der Falschen. Bis zum höchsten Hirtenamt führen wir die Debatten darum, wer recht hat.

Entsprechend lauten die Schlagzeilen, mit denen die Zeitungen von dem berichten, wie wir das leben, was wir von der Frohen Botschaft verstanden haben: Geldgeschäfte. Machtspiele. Übergriffe. Predigten wie Fausthiebe.

Selber Hirten sein – unter und mit dem einen Hirten

Schauen wir an die Orte, an denen Menschen ihre Wirklichkeit leben. Eine Wirklichkeit, die sich so gar nicht mit der Wirklichkeit Gottes verbinden lassen will. Warum? Weil uns der existenzielle Blick dafür fehlt, was sie brauchen und was wir mitten unter ihnen selbst gut brauchen könnten. Was wir geben könnten und was sie uns geben könnten. Angesichts der Wirklichkeit ist uns Hören und Sehen vergangen: Wir verstehen den Hirten nicht. Wir verstehen nicht den Vater hinter ihm, dem auch die Schafe gehören, die nicht aus unserem Stall sind.

Die Orte der Menschen sind die Orte, an denen der Glaube stattfindet. Wo sonst?

Die Sprache der Menschen ist die Ausdrucksweise, über den Glauben zu sprechen. Wie sonst?

„Sie werden auf meine Stimme hören, dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“, der sein Leben für all das hingibt, wovon wir existieren. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass wieder Raum bei uns bekommt, was dem existenziellen Blick standhält. Schutz. Raum. Leben. Wasser. Brot. Bin ich nicht selbst auch seiner Stimme gefolgt, als er mich mit diesen Worten gerufen hat?