Sonntagsgedanken

Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


18.04.2021

Ich stelle mir die Geschichte des Evangeliums – wenn sie heute passieren würde – etwa so vor. Die Konfi-Gruppe der Johanneskirche traf sich das erste Mal nach ihrer Osterfreizeit wieder. Mit ihrer Pfarrerin waren sie in der Karwoche zu Fuß unterwegs gewesen. Osterwanderung durch den Odenwald. Übernachtung in verschiedenen Gemeindehäusern; die Pfarrerin hatte dies zuvor mit einigen ihrer Kolleg*innen ausgemacht. In der Woche nach Ostern traf sich die Konfigruppe zu einer Nachbesprechung der Freizeit. Aber schon während sie vor der Kirche warteten, fingen einige an zu erzählen. Und als dann Nicolas sein Smartphone aus der Tasche kramte, schauten alle. „Na, war wohl nicht so nachhaltig, der Handy-Verzicht während der Freizeit?“, feixte Linus. Die Konfis hatten nämlich vereinbart, während der Wanderung ihre Handys zu Hause zu lassen und mal auszuprobieren, wie es ohne geht. „Also mir ist das schon schwergefallen“, meinte Yvonne, „ich habe immer wieder in meine Jackentasche gegriffen und wollte das Smartphone holen, aber da war nix.“ „Ich fand das irgendwie gut, wir hätten nie so viel gespielt, wenn jeder sein Telefon dabeigehabt hätte“, meinte ein anderer, „und wir wären nie so intensiv mit den Leuten in den Dörfern ins Gespräch gekommen.“ – Linus fand: „Die haben ja große Augen gemacht, als wir erzählten, wir haben keine Smartphons dabei.“ „Ich fand den Gottesdienst am Karfreitag irgendwie cool“, schwärmte Svenja. „Da waren zwar fast nur ältere Menschen da und die Lieder fand ich auch nicht so toll, aber irgendwie war da eine Atmosphäre, die hat mich sehr angesprochen.“ – Inzwischen war die Pfarrerin dazugekommen. Sie hatte den Konfis still zugenickt und zugehört. „Lass uns doch ins Gemeindehaus gehen und weiterreden. Ihr seid ja schon mittendrin.“

Mittendrin im Glauben?

Ihr seid ja schon mittendrin, sagt die Pfarrerin. Mittendrin – ich frage mich: wann hatte ich das Gefühl, mittendrin zu sein? Als Seelsorger frage ich mich das ernsthaft. Wann bin ich im Glauben wirklich berührt? Wenn ich überlege, wie es mir am Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst geht – da gehen mir tausend Sachen durch den Kopf. Da wird die ganze Choreografie nochmals durchgespielt. Hast du auch alle Bücher dabei? Welche Messdiener kommen heute? Wo ist der Liedzettel? – Und ich weiß genau, es geht dem Küster und der Chorleiterin genauso. Ganz ehrlich: Am Ostermorgen nach der Feier der Osternacht habe ich tief durchgeatmet und gedacht: Gott sei Dank, das ist jetzt auch geschafft. – Wie sich das anhört: Ostern ist geschafft!

Vom Glauben erzählen


Die Geschichte von den Konfis der Johanneskirche finde ich deswegen so gut, weil da junge Menschen von ihrem Glauben erzählen. Was sie erlebt haben, ist konkreter Glaube. Fünf Tage auf das Smartphone verzichten. Das ist gewiss noch kein Martyrium, und doch; da verändert sich etwas. Miteinander reden und spielen statt auf das Display starren. Sich austauschen mit Menschen aus einer fremden Gemeinde. Hören, was die so bewegt. In einem Gottesdienst die Atmosphäre spüren: Da bewegt sich etwas. – Erzählen ist etwas Großartiges. ich finde, wir sollten von unserem Glauben mehr erzählen. Es kann ja gar nicht anders gehen. Der Glaube an Gott ist eine Geschichte. Meine und Ihre Lebens-Glaubens-Geschichte.

Der Geschichtenerzähler Jesus

Wenn ich in das Evangelium schaue, finde ich viele Erzählungen. Jesus war ein wunderbarer Erzähler. Das hat seine Zuhörer*innen fasziniert. Er stand am Ufer des Sees und erzählte von einem überwältigenden Fischfang. Alle, die zuhören, horchen auf: Das gibt es ja nicht alle Tage. Und jeder versteht: Hier geht es ja um mehr als Fische. Wir sind gemeint. Oder die Geschichte, die mir persönlich am besten gefällt: Jesus sieht unterwegs einen Hirten mit seiner Herde und erzählte seinen Zuhörer*innen, wie innig das Verhältnis von Hirte und Schafen ist. Sie alle, die zuhören, spüren: So ist das zwischen Gott und uns. Wir brauchen einen Hirten. Einen guten Hirten. Nicht so wie die Schriftgelehrten sind, die uns nur Lasten aufbürden. Wenn Gott unser Hirte ist, dann geht es uns gut. Dann haben wir einen Chance, auch wenn wir uns verlaufen oder verletzt haben.

Das haben die Jüngerinnen und Jünger von Jesus abgeschaut: vom Glauben erzählen. Denken Sie an die Emmausgeschichte. Da kommen die, die am Ostermorgen nach Emmaus aufgebrochen waren, schon am selben Abend zurück. Sie waren völlig deprimiert losgegangen. Sie wollten zu ihrem früheren Leben zurück. Und jetzt am Abend strahlen sie. Was ist? fragen die anderen. Und dann erzählen sie. Sie erleben den ganzen Weg noch einmal. Erst jetzt beim Erzählen wird es ihnen so richtig bewusst, was da geschehen war. Die anderen saßen im Kreis und lauschten. Einige mit skeptischem Blick: Kann das denn wahr sein? Habt ihr euch das alles nicht nur eingebildet? So wie die Frauen, die am Morgen kamen und erzählten, sie hätten Jesus gesehen? Nein, wir haben nicht geträumt, sagen sie. Und sie schildern noch einmal ihren Weg und wiederholen, was er gesagt hatte. Sie erzählen vom gemeinsamen Essen und wie sie plötzlich erkannten: Er ist es. – Es wundert nicht, dass plötzlich Jesus im Kreis der Jünger steht. Mittendrin. Dass er sich zeigt. Und wieder staunen sie. Und erschrecken. Sie sind geradezu bestürzt. Immer noch voller Zweifel. Noch einmal hören sie Jesus sagen: Hier erfüllt sich das Gesetz des Mose. Hier erfüllen sich die Propheten. Es war doch so angesagt: Der Messias muss leiden. Und er wird auferstehen. Ihr seid jetzt seine Zeuginnen und Zeugen.

Wenn ich staune, beginne ich zu glauben


Unser Glaube lebt vom Erzählen. Wenn unsere Geschichten lebendig werden, wenn sie sich füllen mit dem, was uns berührt und fasziniert, auch mit dem, was uns erschrickt, wenn wir erzählen, worüber wir staunen, dann tritt Jesus in unsere Mitte. Ich wünschte mir, unsere Gottesdienste wären Erzählgottesdienste. Ich wünschte mir, wir könnten einander berichten, was uns in der Woche geschehen ist. Und wie uns das im Glauben berührt. Es sind ja nicht nur die Geschichten der Einkehr und des Gebetes, in denen wir von Gott berührt werden. Es sind auch nicht die außergewöhnlichen Geschichten, in denen Wunder geschehen. Jede Geschichte, in der ich staunen kann, ist eine Glaubensgeschichte. Je älter ich werde, umso häufiger wache ich morgens mit dem Gefühl auf: Schön, dass ich noch lebe. Schön, dass ich die Augen aufmachen kann und das Licht sehe. Schön, dass ich atmen kann. Und wohltuend, mich an den Frühstückstisch zu setzen und zu genießen, was mir die Schöpfung schenkt. Da kann ich nur staunen.

Erzählen Sie Ihr persönliches Evangelium!

Ostern möchte uns ermutigen, unsere großen und kleinen Geschichten zu erzählen. Leider können wir hier im Gottesdienst keine große Runde machen und anfangen zu erzählen. Aber vielleicht gehen Sie nachher ein Stück gemeinsam nach Hause und erzählen sich etwas, was in der letzten Woche geschehen ist. Oder Sie nehmen sich in der Familie heute mal spontan die Zeit zum Erzählen. Erzählen Sie ihr persönliches Evangelium! Oder kommen Sie zu unseren monatlichen Glaubensgesprächen ins Gemeindehaus. Ich beobachte, da sind die Teilnehmer*innen nicht so sehr interessiert, wenn wir Texte interpretieren oder Glaubensinhalte darlegen. Aber sie sind ganz Ohr, wenn jemand mal mutig von seinen Zweifeln erzählt. Oder auch von einer Geschichte, wo sie oder er Gottes Führung gespürt haben.

Mir selbst am Abend den Tag erzählen

Ich mache für mich die Erfahrung, dass es mir sogar guttut, mir selbst etwas zu erzählen. Gerne nutze ich dazu den Tagesabschluss. In ein paar Minuten lasse ich den Tag noch einmal in meiner Fantasie wie einen Film ablaufen. Ich sehe Bilder, Menschen, konkrete Situationen. Ich nehme noch einmal die Gefühle wahr, die schon beim Erleben da waren, vielleicht jetzt etwas ruhiger und abgeklärter. Ich spüre: da war viel Schönes und Liebenswertes an diesem Tag. Ich habe Grund zu danken: Für eine Einladung bei Freunden, für ein kon-struktives Dienstgespräch, für die trostvolle Atmosphäre bei einer Beerdigung. Ich mag dann meinen Dank in schlichten Worten Gott erzählen. Ich erzähle ihm auch, was misslungen ist, einen Streit, ein dummes Wort, ein böser Anruf. Ich sehe dabei auch meine eigenen Fehler. Aber ich kann sie ablegen. In eine gute Hand. Ich kann aufatmen: Bei dir, Gott ist alles gut aufgehoben. Gott ist ein guter Zuhörer. Er freut sich an allem, was uns gelingt. Und er tröstet bei dem, worüber ich mich schäme. Ja, Gott ist ein guter Erzähler und ein guter Zuhörer.

Helmut Schlegel OFM


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