Sonntagsgedanken


Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


23.01.2022

Einer meiner Freunde war Beleuchter im Theater. Er lud mich an einem theaterfreien Tag zu einem Rundgang durch das Theater ein und führte mich in alle Räume – auch dahin, wo Theaterbesucherinnen und -besucher gewöhnlich keinen Zutritt haben. Es war überwältigend, wie groß die Räume „hinter den Kulissen“ sind. Ich war beeindruckt, mit welchem Aufwand an Technik da gearbeitet wird und wie viel Mühe hinter einem einzigen Theaterstück steckt.

Ich stelle mir vor, zu Gast beim Evangelisten Lukas zu sein. Er lädt mich ein, einmal „hinter die Kulissen“ zu schauen. Ich darf seine Schreibstube betreten, darf sehen, wie er arbeitet. Ich lasse mir sein Konzept und seine Aussageabsicht erklären. Ich sehe, wie viele Entwürfe er gemacht hat, bevor er sein Evangelium ins Reine schrieb. Ich entdecke, welche Bücher er gelesen hat, bevor er selbst ans Schreiben ging. Im Regal sind eine Reihe der Briefe des Apostels Paulus. Der Völkerapostel hatte im zweiten Brief an seinen Schüler Timotheus geschrieben: „Lukas ist als Einziger bei mir“ (2 Tim 4,11). Voller Anerkennung klingt dieser Satz und lässt vermuten, dass die beiden sich kannten. Bei den Unterlagen, die Lukas bearbeitete, entdecke ich das Markusevangelium. Es wurde früher verfasst und Lukas muss es gekannt haben. Eine Reihe der markinischen Berichte hat er zumindest dem Sinn nach übernommen. Aber Lukas denkt und schreibt sehr eigenständig. So, wie das jeder gute Schriftsteller tut. Lukas nimmt sich die Freiheit der orientalischen Geschichtenerzähler heraus. Er will seinen Leserinnen und Lesern ja kein Protokoll liefern, das minutiös über jede Einzelheit berichtet. Er will vielmehr sagen, was dieser Jesus von Nazareth ihm, dem gottgläubigen Juden Lukas bedeutet. Wie er sein Leben geprägt und verändert hat. Um nicht in den Verdacht zu geraten, sein Evangelium sei ein reines Produkt der Fantasie, betont Lukas gleich zu Anfang, er sei „allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen“ (Lk 1,3) und habe sich „an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen“ (Lk 1,2) waren, gehalten. Es geht um die Wahrheit. Um die Glaubenswahrheit. Die Frage heißt nicht: Was ist wie genau passiert?, sondern: Was können wir glauben? Auf was können wir uns verlassen? Ist auf Jesus Verlass? Ja, sagt Lukas, auf ihn ist Verlass. Er ist Gottes gültige Antwort auf unsere Fragen.

„Hinter den Kulissen“ werde ich im Lukasevangelium auch über den Zweitberuf des Verfassers informiert. Da sind die Geschichten vieler Kranker, Behinderter und Verletzter. Da ist eine besondere Zuwendung zu Menschen, die am Rand stehen: zu Kindern, Frauen, Witwen. Zu Menschen, die damals nur wenig Beachtung fanden. Der Evangelist verrät bei seinen Heilungsgeschichten profunde medizinische Kenntnisse. Er allein erzählt uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Detailliert beschreibt er die Verletzungen des Überfallenen. Und wie der Samariter Öl und Wein in seine Wunden gießt. Wieder ist es ein Hinweis von Paulus, der Gewissheit schafft: Im Brief an die Kolosser schreibt er: „Es grüßen euch Lukas, der geliebte Arzt und Demas.“ (Kol 4,14) Da wird mir vieles klar.

Lukas geht es aber weniger um die Krankheiten als um die Heilung. Er zeichnet Jesus als den heilenden Messias. Schon zu seiner Zeit machten viele die Erfahrung: die Welt ist verwundet. Krankheiten befallen nicht nur unseren Körper, sondern auch unseren Geist, unser Bewusstsein, unser Herz. Die gesellschaftlichen Verhältnisse können krank sein. Soziale Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, politische Abhängigkeit machen krank. Lukas kann ein Lied davon singen. Schon in der Geschichte von der Geburt des Messias erzählt er von der römischen Herrschaft, die Jesu Eltern zwang, sich in Steuerlisten einzutragen und den weiten Weg nach Bethlehem zu gehen. Immer wieder spricht der Evangelist von der Krankheit der Dämonie – der Besessenheit. Wir haben heute mit diesem Begriff Schwierigkeiten. Zu Recht. Zu lange hat die Teufelsangst die Christenheit vergiftet, zu oft wurden mit der Etikette „besessen“ unschuldige Menschen verurteilt, gefoltert, verbrannt. Und es waren immer die Schwachen, die der Fluch traf: die Frauen, die Andersdenkenden, die Ausgegrenzten. Von solcher Art Dämonie entdecke ich beim Evangelisten Lukas zum Glück nichts. Andererseits weiß er aus eigener Erfahrung, wie besessen Menschen sein können: von Sucht, vom Hass, von Macht- und Besitzgier, von Ideologien. Da greift die Medizin zu kurz. Da braucht es einen anderen Arzt. Jemand, der wie ein Hirt seinem verlorenen Schaf nachgeht, es wiederfindet und in die Arme schließt. Jemand, der wie im Gleichnis der barmherzige Vater nicht auf Vergeltung sinnt, sondern wartet, bis sein weggelaufenes Kind den Weg nach Hause findet. Gott ist dieser Arzt.

„Hinter den Kulissen“ des Lukasevangeliums entdecke ich auch noch eine Art Atelier. Es ist als hätte der Evangelist Pinsel, Farben und eine Stafette vor sich. Keiner sonst kann so anschaulich erzählen. Seine Jesusgeschichten sind so farbig und plastisch, dass sie bis heute unsere Vorstellung anregen. Die biblische Forschung hat Lukas nicht ohne Grund als den Maler-Evangelisten bezeichnet. Lukas ist der Einzige, der die Kindheitsgeschichte Jesus aufzeichnet. Mit viel Liebe zum Detail. Die christliche Fantasie hat manches dazugestellt: Schafe, Esel, Ochs und vieles mehr. Aber angefangen hat Lukas dieses Bild. Und wenn es stimmt, dass kein anderes Buch in der Geschichte der Weltliteratur die großen Maler mehr inspiriert hat als das Neue Testament, dann ist es Lukas, der am meisten Stoff bietet. Ich entdecke viele Bilder in diesem Atelier „hinter den Kulissen“ – große und kleine. Dabei steht ein Bild groß in der Mitte. Alle anderen Bilder weisen darauf hin: Das Christusbild. Lukas malt Jesus sehr konkret. Es ist der Lebendige, Berührbare, Menschgewordene. In ihm wird Gott für meine Augen sichtbar und konkret. Ich spüre dabei: Das Bild von Jesus Christus kommt in Bewegung. Der Glaube an ihn wird zum Weg. Es gilt mir und uns allen, was Lukas am Ende der Geschichte vom barmherzigen Samariter schreibt: „Gehe und tue desgleichen.“

Nach meinem Besuch „hinter den Kulissen“ geht Lukas zum Vorhang, der die Bühne vom Zuschauerraum trennt und zieht ihn auf. Ich schaue dahin, wo ich gewöhnlich sitze als Zuschauer und Zuhörer. Aber wir gehen weiter. Der Evangelist geht mir voraus zum Ausgang. Das grelle Licht blendet. Die Straße ist laut und geschäftig. Hier ist nichts mehr zu spüren von einer lauschigen Schreibstube und einem malerischen Atelier. Und doch: Hier geht das Evangelium weiter. Die Jesus-Geschichte ist kein Theater. Sie bleibt auch nicht „hinter den Kulissen“. Sie wird meine Geschichte. Mein Weg. Mein Leben ist ein Weg. Mein Glaube ist ein Weg. Jesus ist ein Weg. Ich verstehe: Lukas hat mir in seinem Evangelium immer wieder den Weg gezeigt: den Weg von Nazaret nach Betlehem. Von Galiläa nach Judäa. Von Jericho nach Jerusalem. Von Jerusalem nach Emmaus. Und jetzt zeigt er mir den Weg vom Hören zum Tun. Noch einmal holt er die Schriftrolle heraus und liest: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine Frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“. (Lk 4,18f) Lukas schaut mich an: Diese Sätze stammen vom Propheten Jesaja. Ich habe sie in meinem Evangelium Jesus in den Mund gelegt, weil ich nichts Besseres über ihn zu sagen weiß. Das ist seine Sendung. Und das ist auch deine Sendung. Geh deinen Weg. In Jesu Spuren.

Helmut Schlegel


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