Sonntagsgedanken


Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


03.07.2022

Es gibt Stellen in der Heiligen Schrift, die mir lange Zeit ein wenig gegen den Strich gingen. Das heutige Evangelium gehört dazu. Kann man die Anweisungen an die 70 (oder 72) Jünger wirklich ernst nehmen? Ich spreche von den zwei Sätzen: „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe. Und grüßt niemanden unterwegs.“ Das widerspricht doch allen normalen menschlichen Gepflogenheiten. Und so meldet auch sogleich der sogenannte gesunde Menschenverstand seine Bedenken an.

Bedenken

Also ehrlich, ich finde es nur normal und richtig, wenn ich in Urlaub fahre, dass ich als erstes meine Checkliste zur Hand nehme. Und trotzdem wird man niemals gegen alle Eventualitäten gerüstet sein. Aber man sollte wenigstens vorbereitet sein. Also kann es auch nicht Sinn einer Mission sein, dass die Hälfte der Ausgesandten wegen schlechter Planung bald unterwegs am Wegrand liegen bleibt. So wenigstens denkt mein gesunder Menschenverstand. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen, welche trotz all dieser Bedenken versuchen, die Anweisung Jesus möglichst wortgetreu zu erfüllen. Ich stelle drei davon kurz vor. So hat der Heilige Franz Xaver seinen „gesunden Menschenverstand“ anscheinend einfach über Bord geworfen, als er vor 450 Jahren mit dem Schiff in die Mission fuhr. Als er unversehens von seinem Oberen Ignatius den Auftrag erhält, nach Indien zu gehen, flickt er noch rasch seine Soutane ein wenig zusammen, packt sein Brevier ein und zieht los. Eine seltsame Kleinigkeit ist dann aber doch zu erwähnen: Franz hat die Unterschriften seiner Mitbrüder (damals waren es erst ca. 8 Jesuiten) säuberlich aus ihren Briefen ausgeschnitten und sie in einem Medaillon um den Hals auf seine Reise ohne Wiederkehr mitgenommen. Mich hat diese Szene schon von früher Jugend an fasziniert; zugleich aber auch erschreckt, weil ich dachte, dass es doch unmöglich sei, in die Fußstapfen eines solchen Pioniers zu treten.

Als zweiten nenne ich meinen Freund Edgar. Der hat 30 Jahre lang auf der Straße gelebt, ohne dass er in dieser Zeit je in einem Bett geschlafen hätte. Als er dann alt und krank geworden war, hat man ihm im Heim ein Zimmer mit eigenem Bett bereitgestellt. Aber er hat die erste Zeit trotzdem lieber auf dem blanken Fußboden geschlafen. Edgar lebte praktisch aus den Müllkübeln. Und ich sehe ihn heute noch, wie er bis zu den Hüften in dem Kasten steht und mir von seinen „Schätzen“ anbietet. Und dabei war er ein unglaublich fröhlicher und zufriedener Mensch.

Als drittes nenne ich unsere Jesuiten – Novizen. Zu zweit, so wie es im Orden seit alten Zeiten üblich ist, sind jedes Jahr die Novizen zu einer sogenannten Pilgerreise aufgebrochen. Ohne Geld und als Bettler pilgerten sie etwa von Ludwigshafen nach Paris oder von Innsbruck nach Rom. Und zwar taten sie es in Nachahmung ihres Ordensgründers, der als erstes nach seiner Bekehrung eine Pilgerfahrt nach Jerusalem angetreten hat. Ich habe viele Jahre lang erlebt, wie diese Novizen nach ihrer Rückkehr voller Freude erzählt haben von der Gastfreundschaft, die sie allerorten erfahren durften. Und ihre Berichte hörten sich fast ein wenig an wie die Erzählungen der 72 Jünger, als sie zu Jesus zurückkamen. Die Novizen freilich kommen wieder zurück in ein geregeltes, beinahe bürgerliches Leben. Aber diese “Auszeit, Pilgerzeit“ ist dann doch, jedes Jahr zumindest ein Anlass, über das heutige Evangelium ein wenig näher nachzudenken.

Entschärfungen

Nun hat die Christenheit schon immer versucht, diese radikalen Worte Jesu ein wenig zu entschärfen, und wir versuchen es immer noch und immer wieder.

Eine erste Entschärfung könnte vielleicht so aussehen: Wir leben doch heute in einer ganz anderen Zeit. Keiner kann heute in ein anderes Land fliegen, ohne seine Flugkarte vorzulegen. Da sind ganz andere Dinge gefragt. Aber ehrlich gesagt: Diese Erklärung hilft mir auch nicht viel weiter.

Eine zweite Entschärfung bieten die Evangelien selber. Im Evangelium des Markus lautet nämlich die Vorschrift für die ausgesandten Jünger, sie sollen nichts mitnehmen „nur Sandalen an den Füßen“. (Mk 6,9) Bei Markus dürfen sie also Schuhe mitnehmen, während bei Lukas ganz auf Schuhe verzichtet werden soll.

Dritte Entschärfung: Manche meinen, solche radikalen Worte sind wohl doch nicht für die normalen Christen gedacht, sondern nur für einige; eben so richtige Jünger, oder ein paar verrückte Missionare oder dergleichen. Dann wären wir hier in der Kirche ja gar nicht die Angesprochenen durch das heutige Evangelium? Aber so leicht kommen wir nicht davon. Denn wie das I. Vatikanische Konzil gesagt hat: „Die ganze Kirche ist missionarisch.“ Das heißt doch, dass wir alle, also alle Getauften die frohe Botschaft weitertragen und weitersagen sollen.

Was will uns das Evangelium noch sagen?

Auch wenn wir nicht direkt als Missionare in die Welt hinausgehen, oder auf der Straße schlafen, oder Pilgerreisen ohne Geld unternehmen. Das Evangelium will allen etwas sagen. Und zwar vor allem, dass wir nicht allzu sehr auf irdische Mittel vertrauen sollen. Wir sollen weniger unserer eigenen Schlauheit vertrauen als vielmehr auf den, der uns sendet und der uns auf dem Weg begleitet. Und das gilt nicht nur für die für die 12 oder für die 72 Jünger, oder für die Tausende von Missionaren, welche die Kirche im Laufe der Geschichte in alle Welt gesandt hat, sondern für einen jeden von uns.

Ich meine schon, dass wir uns trotzdem hin und wieder ein neues Hemd oder eine neue Bluse kaufen dürfen. Auch an einem Beutel mit Rücklagen für die alten Tage ist nichts auszusetzen. Oder an einem Rollstuhl, wenn der Spazierstock nicht mehr genügt. Aber es tut uns sicherlich gut, nicht nur heute, sondern auch hin und wieder einmal ein paar Minuten lang darüber nachzudenken, was wir wirklich zum Leben brauchen. Und genau dazu hat auch Papst Franziskus einen kleinen Vorschlag.

Was brauchen wir wirklich zum Leben?

In seiner jüngsten Enzyklika spricht Papst Franziskus von einer Kultur des Besitzens und des Genusses. (32) In dieser Kultur braucht man nicht nur einen Geldbeutel, sondern möglichst mehrere Konten. Ebenso ist es bei den Schuhen, den Kleidern, den Büchern. Immer gleich einen Kleiderschrank oder einen Bücherschrank voll davon. Und dann gibt es ja auch noch viele andere notwendige aber nicht selten ganz unnötige Dinge; vor allem all diese 10.000 Dinge, die einem Mitteleuropäer heute durchschnittlich zur Verfügung stehen.

Egal wie wir zu diesem Evangelium stehen, oder wie wir es verstehen, wir werden gewiss nicht in den nächsten Urlaub fahren und die Brieftasche zu Hause lassen. Absichtlich sicher nicht. Auch nicht die Schuhe. Aber etwas könnten wir doch tun: Wir könnten den Urlaub einmal zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, was wir denn wirklich zum Leben und im Leben brauchen.

Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si dazu einen interessanten Hinweis gegeben, den ich hier zum Bedenken zitiere: Er sagt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch das Kaufen eine moralische Handlung ist.“ Aber wer von uns denkt denn schon an so etwas, wenn er in einem Kaufhaus steht und all die Konsum-Artikel rings um sich aufgehäuft sieht, die einen sprichwörtlich anlachen, anmachen und sagen: Nimm mich doch mit! Oder wenn man auf allen Kanälen inklusive Handy mit Werbung bombardiert wird. Es war sicher in alter Zeit für die einfachen Leute gar kein Problem, sich auf das zu beschränken, was absolut zum Leben nötig war. Denn sie konnten sich einfach meistens gar nicht mehr leisten. Und sie haben doch den Sinn und das Ziel ihres Leben auch nicht verfehlt.

So wollte auch Jesus uns durch seine Worte keineswegs unerträgliche Lasten oder Verzicht aufbürden. Den Jüngern, die voller Freude über ihre Mission zurückgekehrt sind, sagt er allerdings, wo die wahre Freude zu finden ist. Nämlich nicht in dem, was sie tun konnten, und auch nicht im Erfolg, sondern darin, dass ihre Namen aufgeschrieben sind im Himmel. Und das ist es doch, was wir alle möchten, dass Gott uns nicht aus den Augen verliert. Amen.

Joe Übelmesser


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