Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

28.02.2021

Einer meiner Cousins ist begeisterter Mineraliensammler. An einem zentralen Platz seiner Wohnung steht eine Vitrine mit wunderschönen Amethysten aus Brasilien. Ein Amethyst – für uns Normalsterbliche gibt es ihn manchmal in kleinen Exemplaren – hat oft eine ziemliche Größe. Solange er rundum geschlossen ist – man nennt ihn dann auch „Druse“ –, ist er grau und völlig unscheinbar. Wer sich nicht auskennt, übersieht ihn vielleicht sogar. Erst wenn er aufgebrochen ist, zeigt sich ein Wunder an Farbe und Glanz. Es ist, wie wenn im heutigen Evangelium die graue Außenhaut aufbricht, der Grauschleier zerreißt und plötzlich die ganze Herrlichkeit der göttlichen Welt vor Augen liegt: Die Innenseite dieser österlichen Welt ist eröffnet.

Eine Rückblickgeschichte

Diese Geschichte heute ist eine Rückblickgeschichte und damit zugleich eine Ostergeschichte. Denn das Evangelium erzählt ja von Ostern her und setzt schon alles voraus, einschließlich Ostern. Hätten die Jünger damals das alles schon gewusst, so hätten sie sich bei der Passion Jesu anders benommen. Nur: Damals war der Amethyst noch verschlossen, unscheinbar, wie ein Stein im Geröll der Geschichte, und die Jünger haben nichts begriffen … Seit es das Markus-Evangelium gibt, ist diese Geschichte für uns so etwas wie die Schmuckfassung einer langen Kette von Erfahrungen mit Jesus, die letztlich in der Erkenntnis mündeten, wie sie Lukas formuliert: Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? (vgl. Lk 24,26)

Die Vorlage

Die Vorlage dieser kostbaren Geschichte ist eine Begebenheit im Ersten Testament. Da steigt Mose auf einen hohen Berg. Der Sinai ist gemeint, von außen auch nur ein Berg wie der Wendelstein oder der Dachstein. Aber auf seiner Innenseite ist er der Berg der Herrlichkeit, der Gottesnähe, der Berg der Gemeinschaft mit Gott, der Berg des Essens und Trinkens mit Gott: Dann stieg Mose auf den Berg (…). Die Herrlichkeit des Herrn ließ sich auf den Sinai herab, und die Wolke bedeckte den Berg – sechs Tage lang (…). Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg hinauf. Vierzig Tage und vierzig Nächte blieb Mose auf dem Berg. (Ex 24,15-18) Noch ursprünglicher ist wohl der vorangehende Text: Danach stiegen Mose, Aaron, Nadab, Abihu und die siebzig von den Ältesten Israels hinauf, und sie sahen den Gott Israels. Die Fläche unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst. Gott streckte nicht seine Hand gegen die Edlen der Israeliten aus; sie durften Gott sehen, und sie aßen und tranken (Ex 24,9-11).

Die Innenseite und die Außenseite

Aus diesem edlen Erzählstoff wird unsere Geschichte geformt: Der Berg, die Gemeinschaft der Jünger, die Wolke und der Schatten, die Herrlichkeit des göttlichen Glanzes, natürlich Mose – ohne Mose keine Heilsgeschichte – und überdies Elija als jener, der das glückliche Ende ankündigt. All das signalisiert: Das ist die Innenseite! So wird sie ausgehen, die Jesusgeschichte, die Jüngergeschichte, die Weltgeschichte: So wird es sein im Heiligen Land, in Palästina, im Iran, auch in Moria auf Lesbos und in allen Flüchtlingslagern, auch bei uns, bei mir … Gott wird nicht steckenbleiben mit seiner Erlösung. Die Welt hat nicht nur die graue oder blutige Außenseite. Die Welt ist ein Amethyst. Ihre eigentliche Bestimmung ist Glanz und österliches Leben. Und die hat Gott schon in sie gelegt.

Allerdings hat die Welt ihre Außenseite. Hat sie damals schon gehabt. Mose geht mit den Steintafeln unterm Arm auf den Berg. Auf sie schreibt er die Gebote drauf. Zehn. Und das ist nur die Kurzfassung. Dann der Weg. Diesen mühsamen Weg gibt es auch im Evangelium: Der Klartext sagt doch: Ihr sollt hier keine Hütten bauen. Hört auf mit dem Gedanken und geht mit nach Jerusalem! Die Außenseite von Gottes Herrlichkeit ist der Weg, ist die Nachfolge, ist das In-der-Nähe-Bleiben, ist ein bisschen Tapferkeit und Treue, so gut es uns gelingt. Es geht in unserem Leben nicht nur um Ästhetik und Stimmigkeit und gepflegtes Wohnen. Im Endeffekt wird das Kreuz nie bloß ein Schmuckstück sein in einem Winkel des Wohnzimmers oder an einer goldenen Kette um den Hals. Der Weg des Christen wird immer kantig sein, nie einfach glatt, er wird irgendwo herb, irgendwo immer ein Verzicht. Und oft genug geht uns der Zusammenhang verloren, dass das die Außenseite der Innenseite ist. Dann sind wir versucht, diese Außenseite bunt anzumalen oder uns eben mit Gold, Silber, Bronze zu behelfen … Die Jünger haben es erst nach Ostern begriffen. Und vorher ist es auch nicht zu begreifen.

Das Ziel mitten auf dem Weg

Wohin gehört so ein aufgebrochener, strahlender Amethyst? Nicht in den Safe, sondern an einen zentralen Platz, wo man ihn sieht. Mitten in die Wohnung, mitten ins Leben. Denn: die Innenseite gehört zur Außenseite. Das Ziel gehört mitten in den Weg: Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. und: Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. (Mk 8,34f) Vergesst beides nicht: Das ist der Weg, aber vergesst nicht, dass der Weg ein Ziel hat!

Darum kommt diese Geschichte ziemlich genau in die Mitte des Markus-Evangeliums zu stehen. Denn sie gehört in die Mitte, auch in die Mitte des Lebens. Wenn uns die Lustlosigkeit überkommt, die Müdigkeit, der Zweifel, die Resignation, das Es-hat-doch-sowieso-keinen Sinn. Mitten in den Alltagsnebel, mitten in den Zweifel, mitten in die Einsamkeit, mitten in die Resignation, mitten in das trostlose Leben einer grauen Maus, mitten in das Jüngerleben, mitten in die Corona-Zeit mit all ihren Einschränkungen. Genau dorthin gehört die Botschaft von der noch verborgenen, vielleicht auch gar nicht vorstellbaren Innenseite. Und vielleicht bleibt nicht viel von der Botschaft, wenn man sie in dieser grauen, mühsamen Mitte hört. Vielleicht bleibt da zunächst nur die Jüngerfrage: Wie war das, „von den Toten auferstehen …“? – Vielleicht bleibt auch mehr: Das zuversichtliche, geduldige Wissen: Amethysten gibt es tatsächlich! Und die wachsende Einsicht: Es gibt sie wirklich, die Erlösung, Gottes Nähe, die Gemeinschaft mit ihm.

Jetzt schon Spuren sehen

Und noch etwas: Es gibt auf dem Weg des Glaubens keine komplett geschlossenen Amethysten. Es gibt immer wieder Spuren der Innenseite auf der Außenseite! Immer wieder blitzt etwas von der Innenseite durch: Solche Spuren könnten sein: ein überraschend gutes Wort und die Freude darüber, ein gutes Gespräch miteinander, Freude über ein schönes Lied, Freude über eine Gemeinde, die mitsingt (wenn sie endlich wieder darf), ein Fastenvorsatz, der den Anschein macht, dass er gelingen könnte, Freude über das Dranbleiben, über die stille Zeit, die Sie finden für die Meditation (bei den Exerzitien im Alltag), Vorfreude auf Ostern – und schließlich Oster-Festfreude. Es gibt sie immer wieder, diese österlichen Spuren auf dem Weg! Beachten wir sie. Sie machen Mut. Amen.

Robert Weber-Locher