Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

27.09.2020

Zwei Typen von Menschen

Die Spülmaschine ist gelaufen. Ich gehe zu unserer Tochter und bitte sie, die Maschine auszuräumen. Prompt werde ich angemeckert: Warum immer ich? Die anderen müssen nie helfen … Ich verlasse lieber erst mal den Raum. Ich weiß: Irgendwann tut es ihr leid, dass sie so gemotzt hat, und wenn ich dann in die Küche komme, hat sie die Spülmaschine ausgeräumt und alles ordentlich hinterlassen. Ganz anders unser Sohn. Wenn ich ihn frage: Kannst du bitte die Spülmaschine ausräumen?, schaut er hoch, lächelt mich freundlich an und sagt: Ja, mach ich gleich. Und spielt weiter. Aus Erfahrung weiß ich: Da wird sich nichts tun. Wenn ich die Spülmaschine nicht selbst ausräumen möchte, muss ich noch fünfmal zu ihm gehen und irgendwann schimpfen.

Ich bin mir sicher, dass Sie diese beiden Menschentypen auch kennen – aus der Familie, dem Kollegenkreis, dem Verein. Da gibt es Leute, die sagen auf alle Bitten freundlich „Ja“, auf konkrete Ergebnisse kann man aber lange warten. Und es gibt andere, die erst lange zögern oder sich instinktiv sträuben, dann aber doch zupacken. Diese zwei Typen beschreibt Jesus in seinem Gleichnis. Faszinierend, wie gut er den Menschen kennt.

Den Willen Gottes tun

Die Botschaft ist zunächst klar und einfach. Es kommt schlicht darauf an, den Willen Gottes zu tun. Nicht viel reden, sondern machen. Wir werden nicht nach unseren Worten und Absichten gerichtet, sondern nach dem, was wir getan oder auch nicht getan haben.

Die Schwierigkeit ist natürlich, dass Gott nicht leibhaftig vor uns steht und konkret bittet, dass wir doch jetzt dies oder das tun. Um herauszubekommen, was der Wille Gottes ist, müssen wir uns Zeit nehmen. Ruhig werden, auf die Heilige Schrift hören, die eigenen Beweggründe ehrlich unter die Lupe nehmen. Manchmal ist es nicht leicht herauszufinden, wie man sich in einer bestimmten Situation verhalten soll.

Andererseits macht Jesus kein Geheimnis daraus, wie der Wille Gottes aussieht. „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt er beispielsweise (Mt 25,40). Und für alle, die es noch konkreter brauchen, schildert er lebensnah, wo und wem wir helfen sollen: den Menschen, die Hunger und Durst haben, die fremd und obdachlos sind, die keine Kleidung, keine Würde haben, die krank oder im Gefängnis und einsam sind. Haben wir ihnen geholfen – oder nicht?

Der harte Schluss

Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen, wie es auch genannt wird, ist aber mehr als eine Aufforderung Jesu, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Vielleicht haben Sie sich auch gewundert über den harten Schluss. Nach der kurzen Geschichte fragt Jesus die Hohenpriester und Ältesten, wer von den beiden jungen Männern den Willen des Vaters getan hat. Natürlich beantworten sie diese – fast rhetorische – Frage korrekt. Aber dann legt Jesus richtig los. „Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr“ (Mt 21,31). Zöllner und Dirnen, das waren die Sünder schlechthin. Warum geht Jesus seine Gesprächspartner plötzlich so an? Warum beleidigt er sie so? Den religiösen Führern des Landes, der höchsten moralischen und religiösen Instanz an den Kopf zu knallen, dass der Abschaum der Gesellschaft Gott näher ist als sie – das ist krass. Und bestimmt unklug.

Die Vorgeschichte

Natürlich hat der Streit eine Vorgeschichte. Wir befinden uns in den letzten Kapiteln des Matthäusevangeliums. Jesus hatte soeben höchst eigenmächtig die Händler aus dem Tempel vertrieben. Die Auseinandersetzung mit der religiösen Führung spitzt sich immer mehr zu. Wenig später werden die Maßgeblichen seine Verurteilung und Hinrichtung betreiben.

„Ihr seid wie der zweite Sohn im Gleichnis“, hält Jesus den Hohenpriestern vor. „Ihr habt Johannes den Täufer gehört, der euch den Willen Gottes gezeigt, der euch zur Umkehr gerufen hat. Ihr habt es gehört – und nichts geändert.“ Johannes hat hingewiesen auf den, der nach ihm kommt – aber die religiöse Oberschicht wollte den Gedanken nicht einmal zulassen, dass Jesus der Erwartete ist. Allein die Vorstellung, es könnte so sein, passt nicht in ihr Denken. Sie sind nicht bereit, sich auf Jesus einzulassen. Sie sind nicht willens, von ihrer Macht und Deutungshoheit abzurücken.

Die Zöllner und Dirnen dagegen haben sich ansprechen lassen, sagt Jesus. Sie haben vielleicht etwas Zeit dafür gebraucht, wie der erste Sohn im Gleichnis – aber sie haben bereut, was sie falsch gemacht haben. Sie haben Jesus geglaubt. Menschen, die zugeben, dass sie etwas falsch gemacht haben, sind Gott näher als solche, die von ihrer eigenen Tugendhaftigkeit überzeugt sind.

Auf welcher Seite stehe ich?

Wo finde ich mich in dem Gleichnis wieder? Bin ich eher wie der zweite Sohn – schnell begeistert dabei, aber träge, wenn es an die Umsetzung geht? Oder kann nicht gut Nein sagen, weil ich Menschen nicht vor den Kopf stoßen möchte? Wie bereit bin ich wirklich, die Ärmel hochzukrempeln und Gottes Willen – oder das, was ich davon verstanden habe – zu tun? Ganz konkret und auch, wenn es mich etwas kostet?

Oder ist mir der erste Sohn näher, der erstmal stöhnt und unwillig ist, sich schon wieder auf eine Arbeit, eine neue Herausforderung einzulassen? Der dafür die persönliche Komfortzone verlassen müsste? Der dann, nach einigem inneren Hin und Her, doch einen Sinn in der Aufgabe sieht und sich darauf einlässt?

Die Zöllner und Dirnen – heute

Und was macht der Vorwurf Jesu, die Zöllner und Dirnen kämen eher ins Reich Gottes, mit uns heute? Was würde Jesus uns heute an den Kopf werfen? Vielleicht: „Ihr habt mein Wort gehört, Sonntag für Sonntag in der Kirche – und doch glaubt ihr mir nicht?“ Fühlen wir uns manchmal besser als andere – wie die Hohenpriester und Ältesten, denen Jesus genau das vorwirft? Oder spüren wir, dass wir oft weit weg sind von Gott, möchten aber umkehren, wie die von Jesus zitierten Zöllner und Dirnen?

Keim der Hoffnung

Wo auch immer wir stehen, wie wir auch sind: Gott bleibt unser Vater. Ich glaube, das Bild vom Vater und den Söhnen behält seine Gültigkeit, auch wenn Jesus die religiöse Oberschicht so hart angeht. Ein Vater liebt seine Söhne, auch wenn ihr Verhalten ihn manchmal an den Rand der Verzweiflung treibt. Beide Söhne sind und bleiben Söhne ihres Vaters – auch der, der nicht tut, was sein Vater will. Er wird dennoch nicht verstoßen.

Jesus droht den Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohenpriestern. Er kämpft um ihren Glauben. Als Mensch wird er diesen Kampf verlieren. Sie werden ihn weiter ablehnen und seine Hinrichtung betreiben.

Dennoch trägt dieses Gleichnis einen Keim der Hoffnung in sich: Auch der Unglaube bleibt letztlich umfangen von der Barmherzigkeit des Vaters. Jesus wird die Ablehnung, den Hass und den Tod durchleiden – aber das wird nicht das Ende sein. Seit Ostern haben Finsternis, Unglaube und Tod nicht mehr das letzte Wort. Sie bleiben umfangen von der Liebe und Allmacht Gottes. Wir sollen uns nach Kräften bemühen, den Willen Gottes zu tun – aber auch in unserm Scheitern bleibt Gott uns Vater. Auch dann wird er uns retten.

Alice Toporowsky