Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

16.05.2021

Jeder Mensch, der schon einmal gebetet hat, kennt diese Erfahrung. Das Gebet wird nicht erfüllt. Für diesen Umstand können wir jetzt verschiedene theologische und spirituelle Erklärungsversuche geben, die den Schmerz über das von Gott nicht erhörte Gebet kaum zu lindern vermögen. Im Stillen wird uns aber vielleicht doch einleuchten, dass der allmächtige Gott nicht einfach als Wunschmaschine zu denken ist, der ohne Einschränkung die Bitten der Menschen erfüllt.

Die Bitte des Gottessohnes

Aber wenn Jesus, der Gottessohn, den Vater um etwas bittet, muss es doch wohl anders sein. Er, der ohne Sünde gelebt hat, wird nur berechtigte Bitten dem Vater vortragen, von deren Erhörung er wohl mit Recht ausgehen darf. So ist der meistzitierte Höhepunkt des heutigen Johannesevangeliums Jesu Bitte um die Einheit seiner Jünger und aller, die der Vater ihm anvertraut hat. Und diese Bitte wird nun noch gesteigert durch den Zusatz, „damit sie eins sind wie wir“. Es geht nicht mehr um menschliche, sondern um göttliche Einheit.

So schön das alles klingt, macht sich doch eine unmittelbare Ernüchterung breit. Denn wer würde ernsthaft behaupten, dass diese Bitte in Erfüllung gegangen ist? Nicht nur die biblischen Zeugnisse berichten von Streit und Zerrissenheit der Jünger und der frühen Kirche – die Beschreibung, dass die Gemeinde „ein Herz und eine Seele“ gewesen sei, war wohl mehr frommer Wunsch als Realität (vgl. Apg 4,32) – auch die zweitausendjährige Geschichte des Christentums kann nicht als eine Geschichte der Einheit gelesen werde. Das Ergebnis ist erschreckend. Die Christenheit hat sich im Laufe von zwei Jahrtausenden immer mehr zersplittert. Und auch wenn die ökumenische Bewegung unter dem Leitwort, dass „alle eins sein“ sollen, nach Wegen der Einheit sucht, ist diese sichtbar nicht entstanden. Nun können wir einwenden, vielleicht ist die religiöse Engführung der falsche Ansatz und Jesu Bitte galt gar nicht der Kirche, sondern eben doch der Welt. Doch auch hier sieht die Bilanz ja nicht besser aus. Ein Blick in die Welt unserer Zeit zeigt: Bei allen internationalen Ansätzen für eine weltweite Einheit zu kämpfen, wie sie in den hoffnungsvollen Projekten der „Vereinten Nationen“ und der „Europäischen Union“ Wirklichkeit werden sollen, wird nur der kühnste Träumer über die vielen Nationalismen hinwegsehen können, die sichtbar werden, sobald es um territoriale oder ökonomische Vorteile der einzelnen Staaten geht. Ein Ausdruck wie „America first“ ist dabei nur ein Tiefpunkt vieler nationalstaatlicher Egoismen, die weltweit Anwendung finden. Und zuletzt: Gibt es jemanden, der ernsthaft behaupten würde, innerhalb unserer nationalen Gesellschaft gäbe es eine sichtbare Einheit? Haben wir nicht schon vor der Coronakrise erhebliche gesellschaftliche und kirchliche Polarisierungen ausmachen können, die sich aller Sonntagsreden zum Trotz noch verschärft haben? Nein, eine wirkliche Einheit gibt es weder national noch international, weder gesellschaftlich noch religiös, weder in der Welt noch in der Christenheit. Jesu Bitte ist unerhört geblieben.

Blickwechsel

Auch wenn nun diese Analyse vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen ist, vergisst sie einen entscheidenden Aspekt. Die Einheit der Jünger und der zukünftigen Kirche, um die Jesus bittet, ist kein weltliches Phänomen. Sie kommt nicht aus der Welt, sie ist nichts vom Menschen Gemachtes. Aus den Eigenkräften der Welt ist die Einheit, von der Jesus spricht, nicht möglich. Und doch: Seine Jüngerinnen und Jünger sollen durch die Kraft Gottes, die in die Welt hineinwirkt, eine Einheit leben, die die Wahrheit seiner Sendung deutlich macht. Oder wie Papst Benedikt es sagt: „Die Einheit muss erscheinen, und zwar als etwas, das es in der Welt sonst nicht gibt; als etwas, das aus den eigenen Kräften der Menschheit nicht erklärbar ist und daher das Wirken einer anderen Kraft sichtbar macht.“ (Vgl. Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth Bd. 2, S. 114.) Wenn Jesus also um diese Kraft Gottes für seine Jünger bittet und ihr Auftrag es ist, die Einheit sichtbar zu machen, dann ergeben sich konkrete Folgerungen.

Folgerungen

1. Das Netz der Eintracht und der Liebe

Auf die Frage, die wir zu Beginn der Predigt aufgeworfen haben, warum wir Menschen so wenig im Gebet erhalten, antwortete der verstorbene Aachener Bischof Klaus Hemmerle, dass wir Menschen lernen müssen, ein Netz der Eintracht und der Liebe zu spannen, um die Gaben Gottes aufzufangen. Nur wenn alle einmütig um etwas bitten und auf diese Weise die Fäden des Netzes fest zwischen den Menschen gespannt sind, werden die Menschen erhalten, um was sie bitten. Unser Gebet, das Gebet der Kirche darf deshalb nicht egoistisch sein. Es muss uns Menschen in unseren Anliegen verbinden. Je mehr mitmachen, ja, je fester dieses Netz durch viele Verknüpfungen gespannt ist, um so mehr gelingt es uns, Gottes gute Gaben für alle Menschen einzufangen.

2. Freude in Fülle

Jesus selbst versteht sein Gebet als Grund der Freude. Er redet dies „noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben“ (V. 13b). Wer an Gott glaubt, wer von ihm bewahrt und behütet ist, hat Grund zur Freude. Doch ist diese Freude in unserer Kirche ablesbar? Gerade unsere Kirche in Deutschland und viele von uns, die wir in ihr leben, erscheinen der Welt als völlig freudlos. Und manchmal frage ich mich, würde ich mich, wenn ich nicht in dieser Kirche leben und arbeiten würde, nochmal für sie entscheiden? Oder vielleicht doch lieber Reißaus nehmen und nach einer fröhlicheren Gemeinschaft suchen? Und das betrifft nicht nur die katholische Kirche, sondern alle christlichen Gemeinschaften in unserem Land. Und so werden alle Versuche der Erneuerung bzw. noch so viele synodale Wege und innerdiözesane Gesprächsprozesse fruchtlos bleiben, wenn die Freude des Glaubens nicht mehr erfahrbar wird.

3. Ehrliche Suche nach der Wahrheit

„Heilige sie in der Wahrheit, dein Wort ist Wahrheit.“ Jesus selbst geht selbstverständlich davon aus, dass es Wahrheit gibt. Damit stellt er sich für weite Kreise unserer Gesellschaft und Teile unserer Kirche außerhalb des propagierten „Common Sense“ – außerhalb gemeinschaftlicher Überzeugungen. Mehr noch: Er bezeichnet sich selbst als die Wahrheit (vgl. Joh 14,6), was für eine Anmaßung. In einer Gesellschaft, die davon spricht, dass jeder Mensch eben seine Wahrheit habe und die Rede von einer den Menschen gemeinsamen Wahrheit, die es zu finden gilt, als Intoleranz ablehnt, kann der Wahrheitsanspruch Jesu nur unerhört verhallen. Aber dennoch gibt es ihn und Jesus bittet den Vater, dass die Seinen in ihm, in dieser Wahrheit geheiligt werden. Wenn dies sichtbar werden soll, dürfen wir Christen das Bezeugen der göttlichen Wahrheit nicht aufgeben. Und dies ist eben nicht ein Akt der Intoleranz, sondern entspringt zutiefst der menschlichen Vernunft. Ein Beispiel: Wir befinden uns am Ende der Osterzeit. 50 Tage feiern wir die Auferstehung Jesu als Grund unserer Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Wir glauben an diese Auferstehungswahrheit, d. h. ja nichts anderes, als dass unser Leben, unsere Geschichte, unsere Beziehungen in ihrer Einmaligkeit bei Gott relevant sind, bei ihm aufgehoben bleiben. Wer an die christliche Auferstehungsbotschaft glaubt, muss von dieser Wahrheit überzeugt sein. Und damit schließen wir Christen aus, dass zugleich der Atheist, der vom menschlichen Ende nach dem Tod ausgeht oder Wiedergeburtsvorstellungen verschiedener Couleur ebenso gültig sind. Toleranz bedeutet also nicht, dass wir diese Vorstellungen ebenso für wahr halten müssen, Toleranz bedeutet, dass wir jedem Menschen seine Überzeugungen lassen, aber friedlich für die christliche Botschaft Zeugnis geben und für sie werben. Wer davon ausgeht, dass es viele Wahrheiten gibt, muss bereit sein, entweder der logischen Vernunft zu widersprechen oder der Vorstellung verfallen, dass es keine gemeinsame Wahrheit der Menschheit gibt, in deren Folge eine absolute Individualität das menschliche Schicksal bestimmt.

Dominik Heringer