Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

17.01.2021

Es ist passiert – im Vorübergehen

Bei Gesprächen mit Brautpaaren leuchten Momente auf, wo „Amors Pfeil“ traf, wo „der Blitz einschlug“. Die Stunde null. Es sind Erstbegegnungen, die passieren – wie zufällig, beiläufig, unbeabsichtigt. Wie viele Zeitgenossen gehen an mir vorüber und bleiben namenlose Passanten! Dass sich unsere Wege kreuzen, bleibt folgenlos. Wie vielen komme ich nahe und weiche ihnen aus auf dem Bürgersteig, damit es nicht zum Zusammenprall kommt; wie viele Gesichter bleiben für mich nichtssagend und fremd? Aber eines Tages „passiert“ mir dieser eine Mensch! Wäre ich an diesem Tag X nicht an diesem Ort Y gewesen, dann wären wir uns nie begegnet. Oder: wenn mir damals mein Freund diesen Menschen nicht vorgestellt hätte, wenn ich nicht zufällig neben ihr gesessen hätte, wäre nie etwas Gemeinsames aus uns geworden. Ein Mensch erscheint, der mich nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Seit dieser/diese eine meinen Weg gekreuzt hat, liegt ein neuer Glanz auf meinem Leben. Mit ihm, mit ihr möchte ich näher zusammenkommen, möchte ich jung sein und alt werden; über diesen Menschen möchte ich mehr wissen …

Wir zehren von Weichenstellungen, Sternstunden und Zäsuren, die unser Leben scharf in eine Zeit davor und eine Zeit danach trennen. Auf einmal gerät nicht nur mein Herz in Bewegung, alles gerät aus der Bahn. Dich schickt der liebe Himmel! Ein Glück, dass ich dich damals traf! Ehepartner ahnen, dass ihnen „der/die andere“ nicht zufällig über den Weg gelaufen ist; da ist eine geheimnisvolle Macht, da hat Gott seine Hand im Spiel. In der Begegnung mit dieser Person kam Gott in Sicht, kam er zur Erscheinung …

Überlaufen

Einen solchen besonderen Moment, eine günstige und nie wiederkehrende Gelegenheit, hält der Anfang des Johannesevangeliums fest. Den glühenden Augenblick, wenn Menschen Jesus entdecken und ihm nicht mehr von der Seite weichen wollen. Diesem Anfang wohnt (mit Hermann Hesse) ein Zauber inne. Es ist eine Überraschung wie Weihnachten, auch wenn der Mann aus Nazaret genauso gewöhnlich aussieht wie das schreiende Christuskind im Stall, das auf Hirten und Weise eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt hat. Jesus erscheint auf der Bildfläche – und alles gerät in ein neues Licht. Der Täufer erkennt: Es ist Wendezeit; es ist Zeit für mich zu gehen, meine Anhänger loszulassen und sie diesem anderen zu gönnen.

Johannes sieht, was andere nicht sehen: Da läuft das „Lamm Gottes“ an ihm vorbei, wie beiläufig und zufällig; der Messias Gottes hat keinen großen Auftritt. Jesus ist ein Umherlaufender, mehr nicht. Er kommt aus einem armseligen Dorf. Allein, ohne Gefolge und Fans, läuft er in der Gegend herum. Und gäbe es nicht den Kennerblick des Johannes, Jesus bliebe unbemerkt. Diese Augen, seine von sich fort weisende Geste machen Johannes den Täufer groß, machen ihn zum Seelsorger. Er „nimmt ab“, lässt den Übertritt zum anderen zu und gibt seine eigenen Leute ab; um ihn wird’s einsam. Das Evangelium setzt voraus, dass einige Jesusjünger zunächst Johannesjünger waren.

Auf offener Straße geschieht die Verwandlung von Johannesjüngern in Jesusjünger: still, unaufdringlich, ohne gezielte Annäherungsversuche von Seiten Jesu. ER „passiert“ dem Andreas und einem namenlosen Jünger, dann weiteren Jüngern. Mit diesen Männern, die das „Jesusgerücht“ einander weitergeben, setzt eine Kettenreaktion ein, die bis heute anhält. Wir alle wären nicht hier, hätten diese fünf Leute nicht die Faszination und Neugier an uns weitergegeben.

Jesus hat ein gewinnendes Wesen

Vor unseren Augen stehen die Gesichter all derer, die uns in die Jesusgeschichte hineinverwickelt haben. Gerüchte über ihn haben einst unsere Eltern und Paten, Großeltern und Lehrer neugierig gemacht, vielleicht elektrisiert, „angesteckt“. Der Evangelist weiß: Jesus ist ein Herzenskenner. Jesus hat diese suchenden Männer zwar längst wahrgenommen, also ausersehen, aber er läuft ihnen nicht nach, stellt sie nicht autoritär hinter seinen Rücken, ruft sie nicht in die Nachfolge. Er ruft sie nicht weg von Netzen und Familien. Er feiert nur Vorübergang, Passah. Das Wunder der Erschaffung der Jünger, verborgen in einer Zufallsbegegnung. Diese fünf wirken unter sich ansteckend, weil Jesus auf sie ansteckend gewirkt hat! Kardinal Kasper sprach von der „Pandemie der Liebe“, die von Christus ausgeht.

Ein Glanz muss von Jesus her aufgestrahlt sein, der ihn unwiderstehlich machte. Die Kettenreaktion dieser Stunde geht weiter! Und darum haben wir uns eingereiht in die Menschenkette derer, die damals auf Jesus aufmerksam gemacht wurden und zu ihm gelangt sind. Sie sind „nur der Anfang“. Leiser Startschuss eines Nachfolgewegs. Jesus geht ja nicht auf diese Männer zu, er ergreift nicht die Initiative. Die Jünger erkennen die Gunst der Stunde. Und sie erkennen, dass sie Suchende und nun Gefundene, In-Beschlag-Genommene sind. Das, was sie suchen, können sie nicht bei Johannes finden. Jetzt ist „Vorübergang des Herrn“, Passah, Pessach, ein österlicher Augenblick! Jesus läuft nicht immer an uns vorbei. Man muss die goldene Gelegenheit beim Schopf packen, das, was die Griechen den „Kairos“ nennen, einen nicht wiederkehrenden Moment. Man kann den Vorübergang des Herrn verstreichen lassen – und ich frage mich: Wie oft habe ich Ihn an mir vorübergehen lassen, ohne ihn anzusprechen, ohne auf die Zeuginnen und Zeugen zu hören, die mich – wie Johannes – auf ihn aufmerksam machten?

Gesucht-gefunden!

Es entwickelt sich nur ein Kurzgespräch. Wir kennen das, welche Eigendynamik manche Kurzgespräche im Alltag entfalten: Haben Sie einen Augenblick Zeit? Ich möchte Sie kurz etwas fragen … Wer weiß, wie lang im Johannesevangelium Gespräche dauern können, ist verdutzt über den wortkargen Verlauf dieses so einschneidenden Ereignisses im Leben der Jünger. Wenige Worte reichen! Es sind kurze Fragen, Alltagsfragen, keine tiefgründigen religiösen Diskussionen oder Prüfungsfragen, keine Auflistung von Bedingungen. Nur die scheinbar „einfache“ Frage: Was sucht ihr? Wir hören Fragen und eine sanfte Einladung zur Neugier. Männer, die eben noch Johannesjünger waren, folgen etwas schüchtern und zögerlich vielleicht dem „neuen Mann“, der sich ihnen zugewandt hat, ganz ohne Gruß, ohne förmliche Höflichkeiten und ausgetauschte Freundlichkeiten.

Nur diese eine Frage, mit der sich „Gottes Wort in Person“ einführt! Ein Königreich für eine Frage! Was sucht ihr? Was wollt ihr? Kann ich euch weiterhelfen? Diese Frage – im Johannesevangelium die ersten überlieferten Worte Jesu. Die ewige Frage Jesu, gestern und heute. Sie könnte über jedem Kirchenportal stehen. Ich könnte sie Taufeltern stellen, wenn sie mit ihrem Kind vor mir stehen: Was wollt ihr? Womit kann ich dienen? Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen? Würde Er doch heute auch vor dir und vor mir stehen, anhalten, sich umdrehen, mich ansehen! Das wäre das Beste, was mir und dir passieren könnte! Würde ich ihn fragen: Wo ist dein Zuhause? Könnte ich heute diese Einladung glauben: Kommt mit und entdeckt mich! Findet mich und lasst euch finden. Lasst euch eure Neugier auf mich nicht nehmen! Kommt und bleibt! Bleibt mit mir im Gespräch! Bleibt über Nacht, haltet miteinander bei mir aus und verwickelt mich in ein Gespräch! Kommt und bleibt und lauft nicht immer davon. Lernt mich kennen! Kommt in die Wohnung, in der ihr noch nie wart und von deren Innenausstattung ihr keinen blassen Schimmer habt! Kommt und lasst euch überraschen! Ja, auch das ist Nachfolge: die stabilitas loci, die der Tagesheilige, der Mönchsvater Antonius in Ägyptens Wüste eingeübt hat: zu bleiben und gerade im Bleiben aufzubrechen und im Bleiben mobil zu sein: Probiert’s! Wagt den Übertritt! Werdet Überläufer!

Kurt Josef Wecker