Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

15.05.2022

Am Ende wird alles gut

Nicht im schönen Obergemach in Jerusalem, also da, wo es gemütlich ist und immer die Sonne scheint, sondern in einem alten Plattenbau wohnt Roger. Roger ist Hausmeister in dem heruntergekommenen Kasten nicht weit von der Ostsee. Dort spielt der Film „Anderst schön“ aus dem Jahr 2015. Wenig Sonne ist zu sehen, der Wind pfeift, meistens hängen graue Wolken am Himmel. Neblig, grau und immer wieder Schauer, das ist hier die Lage und in Rogers Leben eigentlich auch. Er würde sich so gern verlieben und ist ständig auf der Suche, aber er findet einfach nicht die Richtige. Noch dazu ist da seine Mutter, die pflegebedürftig ist und Hilfe braucht und ihn dauernd beansprucht. Seinen Piepser kann Roger deshalb nicht weglegen. Und nicht nur, dass Mama ihn dauernd anruft, noch ist dazu ist sie meistens schlecht gelaunt und nörgelt rum.

Als Ellen, eine alleinerziehende Mutter, in den Plattenbau einzieht, keimt bei Roger Hoffnung auf. Er bemüht sich um sie, gibt sich hilfsbereit, wo er nur kann. Aber bei Ellen kommt das alles nicht an. Sie ist mit dem Neuanfang beschäftigt, sucht verzweifelt einen Job, denn sie braucht das Geld, um den Lebensunterhalt zu stemmen für sich und ihre Tochter Jill. Und natürlich hat auch Jill ihre Träume. Ihr Papa verspricht ihr immer wieder, sie mal einzuladen, dann machen sie eine große Reise. Immer wieder die Versprechen von einem herrlichen Wochenende oder einem abenteuerlichen Trip in die Sonne. Ja, ich hol dich ab, schreibt er ihr. Aber am Ende – nichts als heiße Luft.

Am Ende wird alles gut, sagt sich Roger, und das sagen sich auch Ellen und Jill. Und wenn’s noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.

Schön war’s

Ist das wirklich das Ende? Soll’s das gewesen sein? Das ist die Frage, die auch die Jünger umtreibt. Drei Jahre waren sie mit ihm unterwegs, haben so viel Atemberaubendes erlebt mit Jesus – herrlich war das. Angefangen damals bei der Hochzeit von Kana, wo er das Wasser in Wein verwandelt hat. Dann die Heilungen der Kranken und wie er auf die Menschen zuging, die hungerten nach Brot und Liebe und Gemeinschaft. In Jesus, da hat der Himmel die Erde berührt. In Jesus, da haben die Jünger erlebt, wie herrlich Gott wirkt, in Jesus, da hat sich der herrliche Gott offenbart, aber mal so richtig. Und mal so richtig hat es Jesus denen gezeigt, die immer alles besser wussten und den Menschen nur unnötige Gesetze auferlegten, mit sinnlosen Geboten das Leben schwer und sich selber wichtig machten. Ja, herrlich war das, als er denen mit seinen Reden mal die Leviten gelesen hat.

Herrlich war auch der letzte Weg hinein nach Jerusalem. Als die Leute ihm „Hosanna!“ zuriefen, begeistert zujubelten und ihn mit Palmen begrüßten. Und die Jünger mittendrin, statt nur dabei. Aber jetzt ist das alles Vergangenheit, das Hosanna verklungen, die Füße abgelaufen, vielleicht schon wund.

Jesus wäscht sie, das erzählt Johannes ausführlich, darauf legt er großen Wert. Viel ausführlicher beschreibt er diese Geste als das Mahl danach. Jesus erklärt das Warum und Wozu. Aber einer kapiert das nicht, vielleicht kann er es nicht, vielleicht will Judas das nicht verstehen. Er geht und zurück bleibt Ratlosigkeit. Und Jünger, die sich wundern, unsicher sind, Angst haben und Fragen.

Ein herrlicher Rückblick

Und genau in dieser Situation, wo alles in Wanken zu geraten scheint, wo das festliche Mahl umzukippen droht in eine düstere Henkersmahlzeit, da spricht Jesus von Herrlichkeit. Es scheint grotesk zu sein, auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick knüpft er an eben den Erfahrungen des gemeinsamen Weges an, an all dem Schönen, Begeisternden, Herrlichen, was die Jünger erlebt haben. Unterwegs, als er das Brot brach, als er Steine, die Menschen abkapselten, ins Rollen brachte, und Menschen ins Leben zurückholte. Das habt ihr doch erlebt, oder? Oder schon wieder vergessen?

Was Jesus im Abendmahlssaal den Jüngern in Erinnerung ruft, das ruft nun der Evangelist Jahrzehnte später seiner Gemeinde in Erinnerung. Anders als die Jünger, die das alles aus eigener Erfahrung und Anschauung wissen, weiß die Gemeinde aus den Erzählungen von Johannes und anderen um all das Herrliche, was durch den irdischen Jesus von Nazaret geschah. Anders als die Jünger damals wissen die Hörer und Hörerinnen jetzt aber noch mehr. Denn das Herrliche, Unerhörte, Wunderbare, das kam im Obergemach nicht an sein Ende. Die scheinbare Abschiedsrede Jesu, die war nur der Auftakt zu einem Ereignis, von dem sie seinerzeit nur träumen konnten. Dass nämlich ein Mensch durch das Leiden weitergehen konnte und durch den Tod hindurch mit Gottes Hilfe zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangte. Was den verunsicherten und verängstigten Jüngern in Jerusalem nur nebulös, illusorisch, wahrscheinlich sogar utopisch vorkam, das ist für die nachösterliche Gemeinde, an die Johannes sich wendet, Wirklichkeit. Ostern, das gibt’s tatsächlich. Am Ende wird halt wirklich alles gut, und es ist noch nicht das Ende, wenn’s noch nicht gut ist.

Wer loslässt, hat die Hände frei

Damit alles zu einem guten Ende kommt, ist aber etwas von uns gefordert. Das macht der Evangelist auch deutlich. Denn die Szene, die er schildert, ist bei all dem, was in ihr vorgeht, doch auch ein Ereignis, wo Jesus sich trennt, ein Stück weit Abschied nimmt. Und damit dieser Abschied, diese Trennung gelingt, heißt es für die Jünger, ihn gehen zu lassen, loszulassen. Erst dann kann er weitergehen: in die Nacht, in den Tod, in die Herrlichkeit von Ostern.

Die Frau, die viele Christinnen und Christen über die Konfessionen hinweg jetzt im Mai in den Blick nehmen, sie kommt in unserem Evangelium nicht vor. Nur von Jüngern wird erzählt, Maria ist nicht dabei. Erst auf dem Weg nach Golgatha und unter dem Kreuz wird sie uns wieder begegnen. Da muss sie ohnmächtig mitansehen, wie ihr Sohn wankt und stürzt, geht und stirbt, wie er ins Grab gelegt wird. Wie die Jünger muss Maria loslassen. Wieder einmal.

Immer wieder hat Maria das erlebt. Als sie und Josef nach Jerusalem ziehen und auf der Heimreise merken, dass Jesus sich selbstständig gemacht hat. Sie kehren zurück, suchen ihren Sohn in der ganzen Stadt und finden ihn im Tempel. Auf ihren Hinweis, sie hätten sich Sorgen gemacht, gibt Jesus ungerührt zur Antwort: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Später im schon erwähnten Kana geht es Maria auch nicht viel besser. Sie sorgt sich um die Hochzeitsfeier, weil der Wein ausgeht, aber Jesus fragt nur: „Was willst du von mir, Frau?“ Und eine weitere öffentliche Zurückweisung erlebt Maria, als sie gemeinsam mit den Geschwistern Jesu versucht, ihn zu sprechen und nach Hause zu holen. Vergeblich, sie kommt nicht an ihn heran. Jesus ist schroff, weil er seinen Weg konsequent geht, weil man ihn nicht haben oder gar halten kann. Ein Loslassen, wie Jesus es verlangt, das fällt schwer, das muss man erst lernen. Aber ohne loszulassen geht es nicht, nicht für Maria, nicht für die Jünger.

„Wer loslässt, hat die Hände frei.“ So lautete ein Buchtitel im Jahr 2005. Als Maria unterm Kreuz loslässt, da werden ihre Hände frei für Neues. Sie kann tun, was Jesus ihr aufgibt, kann Johannes, der neben ihr steht, annehmen als neuen Sohn. Wer loslässt, der hat die Hände frei, Neues anzunehmen, die Hände frei für Menschen, die mich brauchen. Wer loslässt, der kann neu umarmen, anpacken, lieben.

Karin Wiederkehr, die Autorin des erwähnten Buches, hat vor allem Frauen um die fünfzig im Blick – also etwa im Alter von Maria. „Wer loslässt, hat die Hände frei“, um noch einmal aufzubrechen, Neues zu wagen. Das gilt für Maria, das gilt für Frauen um die fünfzig. Aber nicht nur für sie, sondern auch für uns.

Joachim Feldes