09.06.2024

Familienbande

Oft gehörte Sprüche alt gewordener Eltern: Es ist schön, wenn mich die Kinder besuchen. Es ist genauso schön, wenn sie wieder gehen. Großmutter, Großvater sein macht richtig Spaß, denn für die Erziehung der Enkel habe ich keine Verantwortung. Sobald es schwierig mit ihnen wird, gebe ich sie den Eltern zurück.

Viele Menschen fühlen sich nach wie vor in einer Familie beheimatet oder sehnen sich nach ihr. Aber sie wissen genau: Familie schenkt nicht nur Freude. Familie ist auch Last. Blutsverwandtschaft verbindet, Blutsverwandtschaft spaltet. Am Grab eines Vaters oder einer Mutter erlebe ich, wie sich Familien trennen. Geschwister stellen sich weit voneinander auf, um sich nur ja nicht zu nahe zu kommen. Selbst im Angesicht des Todes führen Familienbande auseinander. Familienleben kennt oft nur Streit.

Manche Familie hat ihre Geschichte, die von Neid und Missgunst bestimmt ist. Es könnte sogar eine ge-waltsame Geschichte sein, die sich in einer Kinderseele tief eingegraben hat. Dann misslingt es, als Erwachsener darüber hinwegzukommen. Was ein Kind in der Familie erlebt hat, begleitet es ein Leben lang. Als sich die Missbrauchsskandale in der Kirche häuften, erzählte mir eine über 80-jährige Frau mit zitternder Stimme: Mein Vater hat die Finger nicht bei sich behalten. Mit der Schuld ihres Vaters quälte sich die Tochter ein Leben lang. Umgekehrt gibt es viele wunderbare Geschichten zu erzählen, in denen eine Familie zusam-menhält. Dann kommen zum Trauerbesuch alle Geschwister zusammen. Den letzten Dienst an Mutter oder Vater wollen alle mitverantworten. Wenn es gut läuft, hilft eben jeder jedem. Meine verstorbene Mutter wünschte sich nur eins, sie legte mir diesen Wunsch jedes Mal ans Herz, wenn ich sie besuchte: Nach meinem Tod müsst ihr zwei Brüder zusammenhalten. Bitte versprich mir das! Jedes Mal versprach ich es ihr, damit sie beruhigt schlafen konnte.

Orientalische Großfamilie

Familie ist keine moderne Erfindung. Sie hat es immer schon in unterschiedlichen Formen gegeben. Wir haben die Entwicklung von der Groß- zur Kleinfamilie miterlebt. Heute setzt sich (in der deutschen Bevölkerung) die Einkindfamilie durch. Die Familie aber als Gemeinschaft von Eltern und Kindern ist uralt. Bereits in der biblischen Anfangszeit existiert Familie. Bekanntlich beginnt die Bibel mit der tragischen Familiengeschichte von Adam und Eva. Der Anfang endet im Chaos. Trotzdem ist es biblische Geschichte, dass auch Jesus zu einer Familie gehört. Sie wird in unserer Tradition als Heilige Familie geadelt, obwohl sie gar nicht so heilig war. Denn die Eltern Jesu waren bei seiner Geburt nicht verheiratet, und die katholische Dogmatik wiegelt Nachfragen ab, indem sie behauptet, er sei das einzige Kind gewesen. Bis heute diskutiert die Bibelwissenschaft, wie die Schwestern und Brüder im Evangelium zu verstehen sind. Sind es echte Geschwister oder nur Vettern und Cousinen? Ich kann den Streit beruhigt übergehen. Auf jeden Fall gehörte Jesus in eine große Familie, die für uns heute untypisch ist. Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen gehörten selbstverständlich dazu. Familienbande waren hoch geschätzt.

Familie will schützen

Auch in der Familie Jesu war es üblich, dass sich nicht nur der Hausvater, sondern alle füreinander verant-wortlich fühlten. So funktionierte es in einem orientalischen Familienclan. Die Angehörigen sorgten sich um Jesus, der seit seinem Leben in der Öffentlichkeit in einem Dauerstress lebte. Zu viele Menschen kamen zu ihm und wollten geheilt werden. Er entzog sich nicht, überging keinen und heilte alle. Mehr und mehr geriet er selbst unter Druck. Selbst seine Jünger wurden mit einbezogen. Die Menschenmenge beschäftigte sie so, dass sie keine Zeit zum Essen fanden. Deshalb wollte die Familie Jesu ihn aus der krank machenden Tretmüh-le herausholen. „Er wird verrückt. Wir müssen ihn zur Vernunft bringen, er soll einmal ausspannen, sonst dreht er noch durch.“

Es klingt modern, aber vielleicht flüsterten die Angehörigen Jesu tatsächlich so hinter vorgehaltener Hand. Damals bot sich als schnellste Therapie an, den angeblich Kranken einfach aus dem Verkehr zu ziehen. Schließlich wollten alle aus der Familie Jesu kein Auf-sehen erregen. Als Erstes holten sie sich das Urteil der obersten Behörde. Die Schriftgelehrten sprachen aus, was sie dachten. „Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Damit war klar, wie die Familie Jesu reagieren musste. Sein Plädoyer zur Verteidigung wurde wahrscheinlich überhört. Mutter und Brüder klopften an, um Jesus herausholen zu lassen.

Jesu wahres Zuhause

In diesem Moment spürte Jesus, wo er wirklich zu Hause war. Er entfernte sich von seiner Blutsfamilie und gründete eine neue Familie, die nichts mehr mit Verwandtschaft zu tun hat.

In einer gesunden Entwicklung löst sich jeder Mensch aus seiner Herkunftsfamilie. Die Loslösung ist notwen-dig, um ein reifes Leben als Erwachsener zu führen. Bei Jesus jedoch ereignete sich Neues. Nicht mehr das Blut, sondern das Wort ist entscheidend. Die Menschen, die aufmerksam um ihn herumsitzen und seinem Wort lauschen, erklärt er zu seinen wahren Schwestern und Brüdern. Diejenigen, die das Wort Gottes hören und den Willen Gottes tun, sind ihm ab jetzt Mutter, Schwester und Bruder.

Nach den Evangelien ist Jesus „nur“ konsequent: Unser Glaube bekennt, Jesus sei der Sohn Gottes, weil er Gott im Himmel zum Vater hat. Ganz intensiv fühlt er sich als Kind des himmlischen Vaters. Wenn sich die Menschen nun zu seinem Vater im Himmel bekennen, sind sie als Söhne und Töchter Gottes seine Geschwister. Dann ist es konsequent, sie zur Familie Jesu zu zählen. Alle, die gemeinsam das Vaterunser beten, gehören dazu.

Bei der Vorbereitung der Predigt fiel mir auf, dass einige Verse vorher im Evangelium – sie werden heute nicht vorgelesen – Jesus seine neuen Geschwister namentlich benennt. Die Namen der Apostel werden ausdrücklich aufgezählt, während die Namen der Blutsverwandten im Dunkeln bleiben. Bis auf Maria ist keiner von ihnen zu identifizieren. Auf die Bande des Blutes kommt es eben nicht an, das Wort Gottes führt familiär zusammen.

Wir haben eben das Wort Gottes gehört. Wenn wir es ernst nehmen, geraten wir in die Verwandtschaft Jesu. Wir brauchen kein Glas zu erheben, um auf Bruderschaft oder Schwesternschaft mit Jesus zu trinken. Denn wir stehen bereits seit der Taufe auf Du und Du mit ihm. Es reicht, ihm genau zuzuhören und das Gehörte dann umzusetzen. Als Geschwister Jesu bilden wir die Gemeinde, die neue Familie unseres Herrn Jesus Christus.

Albert Damblon