Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

25.07.2021

Ratlosigkeit und Verlegenheit unter den Jüngern

Wegschicken geht nicht! Auch dann nicht, wenn das Geld nicht reichen sollte und die Jünger wirklich nicht wissen, wie sie die vielen Menschen satt bekommen sollen. Da reichen auch nicht die zwei Fische und die fünf Brote. Unrealistisch ist es zu meinen, dass man damit alle satt bekäme. Die Jünger sind ratlos und verlegen. Nur einer scheint die Ruhe zu bewahren: Jesus. Er reagiert so ganz anders als seine Jünger, so als ob er bereits den Ausgang der Geschichte kennen würde und von daher die Lage gelassen überschauen kann.

Gott ist jetzt, inmitten der Menschen

Der Ausgang ist kurz geschildert: Alle werden satt. Es bleibt sogar noch etwas übrig. Genauer: zwölf Körbe mit Brot. In einem Lied in unserem Gotteslob heißt es: „Zeichen und Wunder sahen wir geschehen in längst vergangenen Tagen.

Gott wird auch unsere Wege gehen, uns durch das Leben tragen“ (GL 826, Anhang Speyer). Die Brotvermehrung gehört zweifelsfrei zu den Wundern, den ganz großen, die Jesus vollbringt.

Platz für Wunder?

Die Fragen in diesem Zusammenhang sind für mich folgende: Gibt es heute noch den Raum für die Wunder, die Gott an unserem Leben vollbringen will? Rechnen wir mit dem Unberechenbaren, nämlich dem Eingreifen Gottes in unser Leben und das dieser Welt? „Da hilft nur noch ein Wunder!“, heißt es in Situationen, in denen wir uns oft nicht mehr zu helfen wissen. Auch in den vergangenen Monaten, die deutlich gezeichnet waren von den Auswirkungen der Pandemie, haben sich viele Menschen ein Wunder erhofft. Schließlich hat die Pandemie vieles infrage gestellt und auch zunichtegemacht, was zuvor noch als selbstverständlich geglaubt wurde. Welches Wunder möchten Sie selbst für Ihr Leben oder das Leben anderer Menschen erbitten? Wie sieht Ihre ganz eigene Lebenssituation aus, die Sie nach einem Wunder ausschauen lässt, weil Sie selbst an die Grenzen des Machbaren stoßen und möglicherweise schon lange nichts mehr aus eigenen Kräften heraus machen können?

Der Glaube rechnet mit Wundern

Die Jünger selber rechnen nicht mit einem Wunder. Klares Kalkül und der Blick auf die zwei Fische und die fünf Brote geben eine sehr deutliche Antwort: Das reicht nie und nimmer. Dort, wo die Jünger der Verzweiflung nahe sind, beginnt für Jesus das Vertrauen. Da setzt für ihn erst recht der Glaube an. Eben noch hat Jesus den Menschen von diesem Vertrauen und dem Glauben erzählt. Jetzt zeigt sich für sie, was es bedeutet, tatsächlich mit Gott zu rechnen. Mitten in ihrem Leben und der konkreten Situation, in der sie sich befinden, wird Gottes Reich erfahrbar. Gottes Wirklichkeit setzt sich durch, dort auf der Wiese am See Genezareth. Er nimmt sich der Menschen an.

Wundersuche im eigenen Leben

Welche Wunder gab es schon in Ihrem ganz eigenen Leben? Welche Wunder sind in den zurückliegenden Monaten der weltweiten Krise in Ihrem Leben passiert? Für welches Wunder möchten Sie danken? Sind Sie sich bewusst, dass Sie selbst ein Wunder sind!? Für mich persönlich war der Zusammenhalt von Menschen in der zurückliegenden Zeit und ihre Bereitschaft, sich in der Krise beizustehen und zu helfen, eines der Wunder, von denen ich erzählen kann. Die Solidarität unter Menschen war überwältigend. Ein weiteres Wunder wäre es für mich, wenn wir begreifen würden, wie sehr wir einander brauchen und im Grunde genommen keiner wirklich ohne den anderen sein kann.

Mit Gott ist jederzeit zu rechnen

„Gott wird auch unsere Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“ Es braucht nicht viel, damit Gottes Wunder auch in unserem Leben geschehen können. Es reicht zunächst aus, sich für seine Gegenwart zu öffnen. Gott einzurechnen, wenn alle menschlichen Bemühungen an ein Ende kommen. Im eigenen Leben einen Platz für ihn offenzuhalten und, auch wenn es schwieriger wird und es scheinbar allen Berechnungen entgegensteht, auf ihn zu vertrauen.

Wir haben sehr oft in unserem eigenen Leben sehr beschränkte Möglichkeiten, mit dem Leben und seinen Herausforderungen umzugehen, was sich an dem wenigen zeigt, das die Jünger in ihren Händen halten, fünf Brote und zwei Fische. Mit dem Unberechenbaren, also mit Gott selbst im Leben zu rechnen, bedeutet, darauf zu vertrauen, dass seine Möglichkeiten mit uns viel größer sind als die eigenen, was sich wiederum an den zwölf Körben Brot zeigt, die am Ende übrig bleiben.

Wunder überschreiten die eigenen Möglichkeiten

Kann es sein, dass wir in unserem Leben viel zu sehr auf uns selber vertrauen wollen? Kann es sein, dass wir meinen, allzu vieles immer nur aus eigenen Kräften tun zu können und zu müssen? Wer diese Haltung einnimmt, der verrennt sich alsbald und manövriert sich in Sackgassen hinein, aus denen es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Und weil man alleine nicht mehr weiterkommt, lässt man Pläne scheitern. Dabei ist es so wohltuend und entkrampfend, sich auf Gott zu verlassen, darauf zu vertrauen, dass er es schon richten wird. Ihn mit einzurechnen und das Unglaubliche zu wagen. Probieren Sie’s. Es klappt tatsächlich: Alle werden satt. Nur seien Sie dabei nicht auf ein ganz bestimmtes Wunder fixiert. Das würde Sie nämlich für Gottes ganz eigenes Eingreifen in Ihr Leben blind machen. Gottes Lösungen sind nicht unbedingt unsere Lösungen, reichen uns aber stets zum Segen und zum Heil.

Das Leben frei halten für die Wunder

Es gibt ein Lied des Liedermachers Klaus Hoffmann, das für mich sehr gut an diese Stelle passt. In diesem Lied spricht er von „neuen Wundern“. Er lädt den Menschen dazu ein, ein Haus mit all dem zu malen, was dazugehört: einen Zaun, Blumen auf dem Dach, einen Baum im Garten. Zum Wohlfühlen sollte das Haus sein, sodass man sich gerne dorthin begibt. In allen Räumen des Hauses sollte die Liebe und das Glück zu spüren sein. Aber ein Fenster sollte frei bleiben. Es sollte nicht ausgemalt werden. Es sollte frei bleiben für die Wunder. „Denn Wunder kommen – wie sie wollen, gehen sie ein und aus.“ Der Mensch soll sich die Welt in bunten Farben malen, so wie sie ihm gefällt. Aber den Himmel sollte er frei lassen für die Wunder, die oftmals ganz unbestellt kommen. Ein Wunder, so der Liedermacher, gehöre in jede wundervolle Welt.

Der Mensch, ein Wunder Gottes


Gott hat diese Welt wunderbar geschaffen, noch wunderbarer jeden einzelnen von uns, warum sollte er uns seine Wunder vorenthalten? Lassen wir ein Fenster frei! Bereiten wir in unserem Leben einen Platz für die Wunder, die Gott an uns vollbringen will. Werden wir uns gewiss: „Gott wird auch unsere Wege gehen, uns durch das Leben tragen.“

Thomas Diener