Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

02.10.2022

Die Erotik des Glaubens

Oktober ist Rosenkranzmonat. In das Rosenkranzgebet hat ein kleines Sätzchen Einlass gefunden, das aus dem heutigen Evangelium stammt: „Jesus, der in uns den Glauben vermehre!“ (vgl. Lk 17,5) Oh ja, mein Glaube braucht den Schutzmantel Marias, damit er nicht erfriert. Er braucht einen Schutzengel. Heute ist das Fest der guten Mächte, die uns treu und still umgeben und die sich dem zerbrechlichen Gut Glauben annehmen mögen! Ich weiß nicht, ob dieser Wunsch Ihnen heute auf den Lippen liegt: Stärke unseren/meinen Glauben? Vielleicht wünschen Sie sich heute Morgen etwas ganz anderes: ein wenig Ruhe, Verlässlichkeit und Halt im Leben, Frieden in dieser zerrissenen Welt, Gesundheit …? Ratlos sind wir, uns fehlt der Durchblick, tieftraurig angesichts des Zustands der Welt, wo Naturkatastrophen und Machthaber ganze Länder zerstören. Da kann man den Glauben an eine gute Zukunft verlieren. Ich glaube: Auch wenn die Fürbitte der Jünger auf unserer Wunschliste ausdrücklich nicht ganz oben steht, unterschwellig ist sie auch unser Herzensanliegen: Jesus, ich möchte wieder glauben können! Ich wünsche Ihnen und euch, dass dieser Gottesdienst unseren Glauben stärkt. Dazu ist ein Gottesdienst ja da, und dafür sind wir auch hier. „Herr, gib uns Mut zum Glauben, an dich, den einen Herrn“ (GL 448,4). Was passiert da schleichend und lautlos, wenn der Glaube an diesen Halt im Leben und im Sterben zerbröselt? Zunächst nichts Dramatisches. Man könnte sagen: Die „Erotik“ des Glaubens geht verloren, die Leidenschaft, die Sehnsucht, das Prickeln im Bauch im Angesicht des Heiligen, die Lust am Abenteuer des Jesusweges. Das kann ein schleichender Prozess auf meiner Lebensreise sein. Wir sind auf das Naheliegende konzentriert, der Alltag fordert seinen Tribut. Allmählich wird der Glaube gestaltlos, formlos; er wird undeutlich, verdünnisiert sich lautlos und versickert oft völlig schmerzlos. Ab und zu fällt es mir noch auf: Die „erste Liebe“ (Offb 2,4) vermag meinem Leben nicht mehr Richtung zu geben. Mein Glaubensleben ist saft- und kraftlos, ist so wenig greifbar, das Aufregendste von der Welt langweilt mich. Ich erlebe mich als ‚geistesabwesend‘, verstecke schamhaft (zur Glaubensscham die 2. Lesung: 2 Tim 1,8) mein bisschen Glauben; die Glut ist zur kalten Asche geworden, der geistliche Grundwasserspiegel sinkt unmerklich – und auf einmal sitze ich auf dem Trockenen und kann höchstens noch – an mich glauben. Aber vom Glauben an meine eigenen Möglichkeiten und die Selbstheilungskräfte in mir kann ich nicht zehren. Und Gott ist keine Kapitalanlage, den ich mir aufsparen kann für schlechte Zeiten. Wir sind alle so ‚wachstumsorientiert‘ und fürchten die Stagnation, den geistlichen Bankrott. Wird mein Glaube reichen für härtere Stunden? Glaube ich ‚genug‘, kann ich meinen Glauben teilen, davon ‚abgeben‘? Wer kennt ihn nicht, diesen leisen Stoßseufzer, den heute geistlich schwachbrüstige Amtsträger ganz ehrlich ausstoßen: Jesus, uns ist der Glaube ausgegangen. Lege uns Glauben zu! Mehre uns den Glauben! Ersetze, was uns fehlt! Eine fromme apostolische Fürbitte, und doch – wie so manches Gebet – nur gut gemeint und falsch formuliert. Jesus korrigiert die Bitte der Jünger. Und ich frage mich: Ärgert sich Gott eigentlich über manche unserer Fürbitten? Vielleicht muss er uns erst das rechte Wünschen lehren. Es ist ein Irrtum zu meinen, wir könnten Glauben quantifizieren, vermehren, aufstocken, auf die hohe Kante legen wie eine Spareinlage. Dann würde ich nur besorgt auf mich selbst blicken, auf meine Mangelerscheinungen. Nein, meinen Glauben kann ich nicht wiegen, präsentieren oder aufpolieren.

Kennen Sie diese Gedanken? Könnte ich doch noch so glauben wie meine Eltern, Großeltern, wie diese Schwerkranke, die alles von Gott erhofft hat und loslassen kann; wie manche Kinder am Heiligen Abend oder bei der Erstkommunion, die aufgeregt und bebend vor dem heiligen Geschehen stehen! Könnte ich doch glauben wie die Heiligen, die Männer des Widerstands in den totalitären Regimen. Gibt es die Glaubenspotenz steigernde Doping-Mittel? Können Gottes Wort und die Teilnahme an einem Gottesdienst wie ein leichtes Aufputschmittel wirken?

Senfkorn im Getriebe

Gib uns Glauben hinzu, denn ohne Glauben schaffen wir es nicht! So bitten die Apostel. Unsere Kirche – schafft sie ihren Weg aus der Krise? Die Aufgabe der Kirche ist so groß, dass manche resigniert nur noch nehmen, was kommt. „Das schaffen wir!“, sagen andere mit dem Mut der Verzweiflung. Setzt die glaubensmüde Kirche auf den senfkornkleinen Jesus und den Glauben oder doch eher auf das Menschenmögliche, auf Krisenbewältigung, Strategiepapiere, Betriebsamkeit, das Machbare? Darf der heiß gelaufenen Kirche das Senfkorn, das Sandkorn, das Weizenkorn des Glaubens ins Getriebe kommen und sie heilsam abbremsen? Der Glaube ist ein Geschenk des Himmels. Diese Kraft, die mich und diese Kirche trägt, kann in mir zur Neige gehen wie der Wein bei der Hochzeit zu Kana. Es gibt Feste, Anlässe und Stimmungen in meinem Leben, da fühle ich mich stark im Glauben. In solchen Hoch-Zeiten schwimme ich auf der Woge eines tollen Flow-Gefühls, einer ausgelassenen Glaubensstimmung. Auch der Kirche fiel in Erfolgszeiten womöglich das Glauben leichter. In Zeiten der Glückssträhnen könnte man meinen, Glauben sei ein ‚Kinderspiel‘. Aber es reichen einige härtere Tage, Phasen der Erfolglosigkeit oder auch der Übermut des Erfolgs, das Einstecken von Nackenschlägen oder die eigene hektische Lebens- und Karriereplanung, der Schmerz der Verluste, die Versuchung der Ablenkung, die pure Vergesslichkeit – und auf einmal sieht mein Glaube ‚alt‘ aus, zieht mich die Unlust am Glauben oder die pure Gleichgültigkeit wie ein Schwergewicht runter.

Glaube wird durch mein Beten ernährt; aber wenn mein Gebet verstummt, dann betreibe ich keine Beziehungspflege mehr mit dem Grund und Geber des Glaubens. Dann kann ich höchstens noch wehmütig auf die Kinderzeiten zurückblicken, als ich noch ‚mehr‘, ‚besser’, ‚inniger‘ glauben konnte.

Jesus sagt seinen Jüngern: Wenn ihr einen senfkornkleinen Glauben hättet, dann könntet ihr Unmögliches vollbringen. Er hat in mich dieses kostbare Gut hineingelegt. Der „winzige Jesus“ (G. Bachl), diese Weizenkornexistenz, und der kleine Glaube – er und diese mir anvertraute kleine Gabe müssen mir voll und ganz reichen. Gefragt ist nicht der potente Glaube, mit dem ich protzen kann. Vielleicht gibt’s „ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen“, wie Nicole es vor 40 Jahren erfolgreich besang. Gibt’s auch ein bisschen Glauben? Den Glauben kann man nicht messen, so wie eine Frau auch nicht nur ‚ein bisschen‘ schwanger ist. Sie ist es ganz und gar! Man kann auch nicht ‚ein bisschen‘ vertrauen. Der senfkornkleine Glaube an den, ohne den wir nichts tun können, versetzt Gehölze wie einen wurzelstarken Maulbeerbaum in den ‚bodenlosen‘ See Genezareth. Das Senfkorn bleibt klein und hat doch eine große Sprengkraft, birgt ein gewaltiges Wachstumspotenzial. Glaube war und ist weltbewegend, welterschütternd; dieser kleine Glaube, den die ‚kleine‘ Therèse von Lisi-eux – wir feiern sie am 1. Oktober – mit ihrem „kleinen Weg“ zu Gott vorgelebt hat.

Wem soll ich Dank sagen?

Heute ist vielerorts das Erntedankfest. Wir sagen Danke für das Nichtberechenbare, auch das Unerwartete, die unsichtbaren Ernten. Dank und Glaube sind verwandt. Menschen, denen die Kraft zum Glauben fehlt, sagen traurig: Wenn ich doch nur wüsste, an wen ich meinen Dank richten könnte! Ich habe für so vieles Dank zu sagen, doch mir fehlt der Adressat. Ich wünsche uns, dass Gott den senfkornkleinen Glauben in uns einsät und bei uns Gutes erntet.

Kurt Josef Wecker