25.02.2024

Die Minute der Ausnahme

Der Berg ruft! Verklärung geschieht! Eine geheimnisvolle Seite wird aufgeschlagen für uns, die wir vielleicht abgeklärt sind. Etwas wahrhaft „Heiliges“, was nicht jeder Normalsterbliche erleben wird und wir kaum noch mit einer Kirche in Verbindung bringen, der im Alltagsgeschäft und in der Sorge um ihre eigene Zukunft das „Geheimnis“ fremd geworden ist. Gibt es eine Erklärung für Verklärung? Ein schönes Wort und doch so schillernd und fremd. Für manche von uns zu viel des Guten und Schönen. Viele Zeitgenossen sind eher „religiös unmusikalisch“ (Max Weber), würden sich kaum als mystisch veranlagt bezeichnen und erwarten wohl nicht, dass Jesus ihnen als Lichtgestalt erscheint. Ich weiß nicht, ob Sie Lust zu Bergtouren haben, zum schweißtriefenden Aufstieg, den Gipfelkreuzen entgegen? Doch für viele bieten gerade Berge ein Gotterleben, das sich für sie im Gottesdienst selten einstellt. Überwältigt werden wir dort droben. Ich weiß also nicht, ob Sie heute Christus und den Dreien Gesellschaft leisten wollen auf dem Berg des Lichtwunders und Ohrenzeugen eines Gipfeltreffens sein möchten? Jesus im Gespräch mit zwei großen Gestalten des Alten Bundes, denen eine Gottesbegegnung zuteil wurde. Immerhin: Anders als die neun Jünger unten im Tal, werden wir zu Mitzeugen, Mitwissern eines Wunders. Also: Sind wir heute auf der Suche nach schönen Aussichten, die uns vielleicht doch nur auf einem Berg oder beim Erleben eines Gipfelwerkes der Kunst geschenkt werden, nach besseren Perspektiven, nach dem religiösen Kick, dem Außergewöhnlichen – und damit auch nach Erschütterung und Lebensänderung? Bin ich bereit, in die Verklärungswolke einzutauchen?

Gewissermaßen ist diese Eucharistiefeier wie das Erreichen eines Gipfelkreuzes, der Genuss einer schönen Aussicht. Diese fällt uns nicht in den Schoß. Der Kirchgang ist kein Spazierweg „im Frühtau zu Berge“, eher ein mühsamer Aufstieg auf einen Gipfel, den wir vielleicht wie wanderunlustige Kinder eher widerwillig und ohne große Erwartungen hinter uns bringen. Nein, das was uns hier erwartet, ist nicht spektakulär, versetzt kaum in Ekstase. Und es ist leise und verborgen, ist nicht festzuhalten, auf keine Cloud hochzuladen und abrufbar. Ja, Heiliges gibt es hier wie auf dem Verklärungsberg; aber ich kann es nicht wie ein Foto auf Instagram hochladen. Der Gang hin zum Gipfelgeheimnis des Glaubens ist weniger körperliche Anstrengung als vielmehr Seelenarbeit. Auch wenn Wunder wie aus heiterem Himmel geschehen, brauchen sie eine vorbereitete Umgebung, eine gewisse wache Bereitschaft und Empfänglichkeit. Gottesbegegnungen kitzeln nicht meine Seele. Manchmal ist Gottes Präsenz so unauffällig, dass sie nur ein leises „Hintergrundgeräusch“ meines Lebens ist. Gottes Nähe ist schonend; denn wer will schon gerne in eine unbekannte Wolke eintauchen und in eine Szene hineingeraten, die uns schlichtweg überfordert und auch das Fürchten lehrt; die Gottesfurcht …?

Wir rücken als Gottesdienstgemeinde auf dem Gipfel der Woche zusammen und halten uns gemeinsam in den Glanz der Gegenwart Christi. Und wir bekennen: In Dir, Christus, ist Gott „voll präsent“. Und Du, Jesus, hältst Dein Licht nicht für Dich. Wir dürfen einander respektvoll ansehen, weil Glanz von Jesu Gesicht auf uns fällt (2 Kor 4,6). Dass uns hier und heute „Verklärung“ oder Erleuchtung passiert, kann ich Ihnen nicht versprechen. Verklärung und Lichtblicke sind auch in einer heiligen Feier wie dieser nicht garantiert! Vielleicht kann unsere durchschnittliche, ermattete, bürgerliche, unterkühlte Kirche mit solchen verwunderlichen Ereignissen nichts mehr anfangen. Kirche steht eher im Zwielicht. Zu viel Schuldhaftes wurde unter den Teppich gekehrt, zu viel Zweideutiges verklärt und entschuldigt. Der Kirche steht es nicht zu, sich im Verklärungslicht zu sonnen. Wir sind kaum in Stimmung, uns über das Irdische emporzuheben oder uns durch so etwas Unwirkliches erschüttern zu lassen. Darum befremdet das heutige Evangelium: Lichtblicke wie eine Verklärung und die schöne Aussicht auf eine Himmelsspur gehören nicht zu meinem grauen Einerlei. Als Farbtupfer hänge ich mir Fotoposter von schönen Momenten an meine Zimmerwand; sie lassen mich träumen und an Sternstunden, an „Gänsehautmomente“ zurückträumen. Darum ist das heutige Evangelium so sonderbar, so irgendwie maßlos. Heute fasten die Augen nicht. Heute ist alles schön. Heute wird von uns nicht mehr gefordert, als auf Christus zu hören. Heute geschieht ein Wandlungswunder. Es bleibt nicht alles beim Alten. Die Welt wird porös und der so gewöhnlich aussehende Nazarener auf seinem schweren Dienstweg ans Kreuz wird quasi überschüttet von jenseitigem Licht. Schön und gut für Ihn! Es sind nur „Licht-Sekunden“. Solche leider flüchtigen Erfahrungen machen sich rar. Religiöse Ekstasen erleben nur wenige, sind nicht der Normalfall des Christenlebens.

Doch gönnen wir Jesus diese glückliche Stunde. Etwas Unberechenbares bricht ein; die Decke des Gewöhnlichen wird weggezogen, Plötzliches geschieht. Mein Glaube ist eher auf „kühl“ temperiert und kennt kaum noch das, was sich aller menschlichen Berechnung entzieht. Nein, wir sind keine orthodoxen Christen oder Mystiker. Uns fehlt die Ruhe zu solcher Schau. Oder wir halten es kaum noch für möglich, dass unser Glaube auch schöne Momente, lichtvolle Episoden bereithält. Oft kommt das Christliche so langweilig, an-strengend, routiniert und moralinsauer daher. Verklärung? Na und! Zu wenig praktisch, zu wenig lebensnah, zu weltabgehoben. Zudem: So viele Schreckensbilder schieben sich vor, die es nicht zulassen, diese Welt im Verklärungslicht zu sehen.

Etwas Unwirkliches, Wolkiges, Schwebendes schwingt im Evangelium mit … es riecht nach Beschönigendem, Verschönerung, Verzau-berung und Ablenkung von der harten Realität. Kann sich eine Welt am Abgrund den himmelnden Blick ins Verklärungslicht leisten? Ich weiß: Passionszeit verlangt andere Jesusbilder – Christus als Passionsgestalt, als Gekreuzigten, ein „Haupt voll Blut und Wunden“, ein Leichnam. Kann ich mit dem „herrlichen“ Christus noch etwas anfangen? Er, auf dessen Gesicht Gottes Glanz in Erscheinung tritt? Der gute Mensch von Nazareth – so fremd, fast unnahbar. Manche hätten ihn gerne gewöhnlicher und nicht als verherrlichten Gottessohn. Heute jedoch begegnet er uns so österlich schön. Vermutlich wurde er selbst von dieser Glücksstunde überrascht und hielt „Verklärung“ kaum für möglich. Dieser Lichteinfall war nicht vorauszusehen, auch für Jesus nicht. Er erlebt eine Überraschung, wird überwältigt und beschenkt von der Liebeserklärung des Vaters. Auf solche „Minuten der Ausnahme“ (Robert Musil) können wir uns nicht vorbereiten. Sie sind „Gnadenstunden“, ohne die die Kirche kaum mehr als eine fromme Nichtregierungs-organisation wäre. Lichtwunder kann auch die Kirche nicht festhalten, verwalten oder wie einen „Hüttenzauber“ zelebrieren. Von solchen erschütternden Augenblicken kann man nur stotternd erzählen, weil uns die Worte fehlen und es einem doch niemand glaubt. Verklärung – das war vielleicht die glücklichste Stunde Jesu vor Ostern. Solche Momente kommen und gehen. Unfassbares macht fassungslos. Schönes, buchstäblich Erhebendes wird augenscheinlich, weil dieser Bergsteigergruppe das ewige Licht einleuchtet. Buchstäblich ein Hoch-Fest, ein Berg-Fest, das man auskosten sollte. So etwas Lichtreiches passiert einem im Tal der Alltagssorgen und auf dem Kreuzweg nicht. Wer sich diesem Licht nähert, gerät in die Wolke. Wir bleiben nicht außen vor! Halten wir uns offen für eine auch dir und mir mögliche Verwandlung! Wenn wir die Verklärung des Herrn wirklich an uns heranließen, dann würde sie uns aus der Bahn werfen und uns dem heißen Kern des Glaubens, Gott näherbringen und uns Mut machen, mit Jesus abzusteigen in das Tal und ihm zu folgen auf den anderen Hügel, Golgotha, den er dann ganz alleine für uns besteigen wird …

Kurt Josef Wecker