Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

19.09.2021

Da zeigt einer ein Bild und die anderen führen parallel einen Chat, einen Gesprächsnebenstrang im Seitenfenster, der nichts damit zu tun hat. Diejenigen unter uns, die in den letzten Monaten zur Genüge an Videokonferenzen teilgenommen haben, können sich sofort vorstellen, was hier passiert: Jesus zeichnet die Aussicht darauf, was mit ihm passieren wird. Es ist nicht nur so, dass die Jünger nicht verstehen, worum es geht. Es ist vielmehr so, dass sie das Bild nicht einmal sehen wollen, das Jesus ihnen präsentiert.

Sie erfassen nicht, wie dieses Bild ihr Leben verändern wird, wie der Glaube an Jesus Christus in diesem Bild ihr Leben verändern wird. Erfassen wir das? Sind wir schon im Gesprächsnebenstrang? Lassen wir unser Leben verändern?

Justin Welby, Erzbischof von Canterbury, empfiehlt, drei Haltungen als neue Gewohnheiten einzuüben, damit der eigene Glaube zu einer Veränderung beitragen kann - und dies Tag für Tag. Diese drei Haltungen können eine Verständnishilfe und eine Handlungsempfehlung auf der Grundlage des heutigen Evangeliums sein.

Schauen wir sie uns zunächst einmal an. Die erste dieser drei Haltungen ist: Seien Sie neugierig. Lassen Sie sich auf das Leben ein, lassen Sie sich auf das ein, was Gott Ihnen präsentiert, und fragen Sie sich selbst danach. Versuchen Sie sich vorzustellen, warum der andere Mensch anders ist. Fragen Sie sich: Wie ist dieser Mensch wirklich? Denn er ist genauso nach Gottes Bild geschaffen wie ich selbst, ganz gleich, wie anders er ist als ich. Forschen Sie nach, warum diese Beziehung, warum diese Situation so anders ist als das, was Sie vordergründig sehen und verstehen. Seien Sie neugierig.

Damit eng verknüpft ist die zweite Gewohnheit, die es neu einzuüben gilt: präsent sein. Wer neugierig ist, muss erst einmal von sich selbst absehen. Der geistliche Weg führt in der Regel nicht da lang, wo ich selbst im Vordergrund stehe, sondern dort, wo ich auf den anderen Menschen blicke und ihn mit dem annehme, was mir da entgegenkommt. Indem ich präsent beim anderen Menschen bin, gelingt mir eine versöhnliche Beziehung. Je mehr ich dazu beitrage, umso versöhnter wird meine Umgebung. In kleinen Schritten gelingt es mir, zur Veränderung beizutragen und durch den Glauben in der Welt etwas zu bewirken. Präsent sein.

Die dritte Gewohnheit, die wir erlernen können, ist das Neuersinnen. Eine Situation anders sehen, als wir sie in unserer sinnlichen Wahrnehmung gerade erfahren. Alle drei Schritte bieten Chancen zur Weiterentwicklung der Situation, wie sie uns heute im Evangelium erzählt wird.

Neugierig sein

Das Bild, das Jesus den Jüngern von seinem weiteren Schicksal zeichnet, scheint ihnen völlig unverständlich. Man kann es ihnen nicht verdenken: Sie leben in einer Welt, in der Auferstehung vielleicht eine Perspektive ist, vielleicht aber auch nicht. Sie haben die Vorstellung, dass Propheten leben und möglicherweise wiederkehren. Gerade kurz vor der Szene, die unser Evangelium heute beschreibt, waren drei der Jünger Zeugen der Verklärung Jesu, sie haben Elija und Mose auf dem Berg gesehen. Ja, das ist vorstellbar, aber nicht, dass Jesus sich mit dem leidenden Menschensohn vergleicht, der fern von Gott sterben muss, und gleichzeitig auf seine Auferstehung hofft, mit der Gott ihn bestätigt und bei sich aufnimmt.

So unglaublich die Geschichte ist, so wenig verstehen die Jünger, was Jesus bewegt und was er sagen will. „Aber sie verstanden das Wort nicht“, sagt das Evangelium über die Jünger, „fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.“ Ja, Mensch, Jünger, würden wir am liebsten sagen. Ihr hättet doch die Möglichkeit gehabt. Hättet ihr nachgefragt, wäre es für uns heute auch leichter, den Sinn des Leidens Jesu, seines Todes und seiner Auferstehung zu erfassen. Neugierig sein. Nachfragen. Sich trauen, die Geschichte des anderen auch in ihrer aberwitzigen Unglaublichkeit anzuerkennen, und sich darauf einlassen. Keine Furcht haben, den anderen zu fragen, ihn besser zu verstehen. Ihm dann möglicherweise sogar nachfolgen auf dem Weg, auf den seine Geschichte ihn führt. Wie sich die Jünger das bei Jesus nach Ostern getraut haben.

Präsent sein

In der Nachfolge Jesu leben: In meinen Ohren klingt es nach Literatur, die im theologischen Fach des Bücherregals steht, und dort eher bei den erbaulichen Titeln. Wir sind getauft auf den Namen, auf Tod und Auferstehung Jesu Christi. Welche Relevanz hat dieser Umstand im Alltag? Leben wir in der Nachfolge? Es klingt nach einem hehren Schritt, eine solche Berufung zu leben. Die zweite Gewohnheit, die es hier einzuüben gilt, macht die Schrittlänge gangbarer: Ich gestalte eine echte Begegnung mit anderen. Ich zeige bei meiner Nachfolge Präsenz in jedem nächsten kleinen Schritt auf den anderen zu oder auf dem gemeinsamen Weg miteinander.

Dabei bleibe ich in der Haltung, die ich zuvor eingeübt habe: Wenn ich auf den anderen neugierig bin, sehe ich von mir ab. Das Evangelium zeichnet es uns in der Reaktion der Jünger auf Christi Bild von seiner Zukunft als Kontrastbild: Sie streiten sich darum, wer der Größte unter ihnen ist. Angesichts dessen, was Jesus ihnen gerade beschrieben hat, wirkt ihre Unterhaltung völlig absurd. Bei einer solchen Nachfolge geht es nie zuallererst darum, wo ich in dem Ganzen bleibe, wo meine Position ist, wo ich lande, wenn ich diesen Weg nachgehe. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Oder wenigstens vertrauensvoll im Umgang miteinander.

Neu denken

Die Jünger können das nicht denken. Jesus merkt ihre Überforderung. Sie sehen weder die Zukunft, die ihn erwartet, noch die Konsequenzen, die sie für die Jünger haben wird. Das griechische Wort, mit dem der Evangelist Markus hier beschreibt, dass die Jünger nicht „verstehen“, taucht im ganzen Neuen Testament nur einmal auf, und zwar hier. Offenbar hat er ein starkes Wort gesucht, ein nicht ganz geläufiges, um auszudrücken: Die Jünger begreifen nichts. Sie sehen einfach nicht weiter. Sie können gar nicht erst denken, was sie von Jesus und seiner Situation halten sollen.

Justin Welby schlägt vor, aus dem Geist Gottes, der Schrift und dem Gebet heraus die dritte Gewohnheit einzuüben, um neu zu denken. Welby empfiehlt es so: Wenn wir eine komplizierte Situation vor uns haben, dann blicken wir nicht nur auf diese Situation. Wir sagen: Gott, wie siehst du die Situation? Wir werden sehr überrascht sein, wie Gott auf ein solches Gebet antwortet.

Auch hier überrascht Jesus die Jünger, indem er ihnen eine Denkhilfe gibt. Er stellt ein Kind in ihre Mitte und nimmt es in seine Arme. Er hilft den Jüngern auf die Sprünge, indem er sie einlädt, die Situation neu zu ersinnen. Er möchte sie bei sich haben, er sieht sie in seiner Nachfolge durch sein Leiden, seinen Tod hindurch nach seiner Aufnahme durch Gott. Dass sie sich nicht um ihre Größe streiten sollen, sondern sich neugierig und vertrauensvoll auf ihn einlassen sollen, präsent und jenseits aller Rangordnungen einem kleinen Kind zugewandt, das ist der Weg, die Situation neu zu ersinnen.

Jesus ist hier mit den Jüngern auf seinem Weg nach Jerusalem. Er braucht sie. Er braucht uns. Neugierig, vertrauensvoll und mit der Bereitschaft, jede komplizierte Situation neu zu denken, um sie aus der Begegnung mit ihm zu gestalten.

Angela Reinders