Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

14.08.2022

Jahrhunderte haben die Kirchen einen strengen Gott gepredigt. Er sah alles und bestrafte jede kleine Sünde. Den Menschen wurde von den Predigern Angst einge-jagt. Sie fürchteten sich vor einem Gott, der ihr ganzes Leben überwachte. Gott war die Kontrolle, der kein Mensch entgehen konnte.

Vor einiger Zeit änderte sich das Gottesbild. Nicht mehr der Gott der Gebote und Gesetze stand im Vordergrund der Predigt, sondern ein Gott der Barmherzigkeit und Güte. Jetzt wurden die Prediger nicht müde, den Gott der grenzenlosen Liebe zu verkünden. Gott liebt und nichts kann ihn in seiner Liebe erschüttern. Er hat für alles Verständnis und verzeiht alles. Aus dem gnadenlosen Richter wurde der barmherzige Vater. Ich gestehe, dass mir dieses Gottesbild bis heute gefällt.

Christusbild in der Entwicklung

Diese Entwicklung machte auch unser Christusbild mit. Aus dem Herrscher der Welt ist längst das liebe Jesulein geworden, das vor allen Dingen in der Kommunionvorbereitung der Kinder fröhliche Urständ feiert. Selbst das Bild des gekreuzigten Jesus wurde so verharmlost, dass es nur noch Kinder und Greise ernst nahmen. Sein schmerzverzerrtes Antlitz verschwand aus den Köpfen der Christinnen und Christen. Statt dessen schoben sich süßliche Jesusgemälde nach Art der Nazarener in den Vordergrund. Manche Herz Jesu Figur in unseren Kirchen ist nur noch Kitsch. Christus der König hat abgedankt, und mit Christus dem Gekreuzigten tun wir uns genauso schwer. Kreuz und Thron fallen unter den Tisch.

Der angeblich so harmlose Jesus?

Deshalb scheint das heutige Evangelium mir nicht in den Kram zu passen. Es spricht weder vom Königtum Christi noch von seiner Leidensgeschichte, trotzdem zeigt es einen Christus, der unseren Vorstellungen widerspricht. Allzu schnell übersehe ich dieses Christusbild und verdränge es. Der angeblich so harmlose Jesus, der nur über Harmonie unter den Menschen predigt, redet von Zwietracht und Spaltung. Das liebe Jesulein ist der Verursacher. Die Theologie ist überrascht, solche Aussagen im Lukas-Evangelium zu finden. Gerade der Evangelist erzählt sonst von einem liebevollen Umgang Jesu mit seinen Mitmenschen. Er geht auf die Frauen zu, was damals außergewöhnlich ist, und übersieht keinen Bettler. Die Geschichten vom barmherzigen Vater, der seinen irrenden Sohn in die Arme schließt, und vom barmherzigen Samariter, der sich um einen verletzten Fremden kümmert, sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Aus Barmherzigkeit heilt Jesus viele Kranke und vergibt den Sündern ihre Schuld. Alle Menschen sollen ihr Heil vor Gott finden. In dieser Absicht schreibt Lukas sein Evangelium.

Deshalb ist es zunächst unverständlich, dass Jesus Streit in die Welt bringen soll. Nach dem Evangelium werden Familien auseinandergerissen, Väter zerstreiten sich mit ihren Söhnen, Mütter mit ihren Töchtern. Für den, der das Evangelium ernst nimmt, verliert Harmonie ihren absoluten Wert. Friede, Freude, Eierkuchen ist dann kein christliches Prinzip. Dennoch ruft Jesus nicht zum Kampf auf und fordert Unfrieden ein, er stellt nur fest, was passiert, sobald ein Mensch sich für ihn entscheidet.

Kein halbes Ja mit einem Nein im Hinterkopf

Vielleicht ist es die entscheidende Pointe des Evangeliums. Der Mensch, der Christin oder Christ werden will, hat sich ohne wenn und aber auf Jesus einzulassen. Es gibt in dieser Entscheidung kein halbes Ja mit einem Nein im Hinterkopf. Ein „Ja, ich will Christ sein“, und gleichzeitig ein „Nein, mein Ja darf mich nichts kosten“, ist nach Jesus unmöglich. Deine Rede sei ja, ja oder nein, nein, heißt es an anderer Stelle. Wer Christ geworden ist, hat sich entschieden, und er kann keine Rücksichten mehr nehmen. Die Familie hat zurück zu stehen. Das liebe Jesulein fordert in jeder Situation das eindeutige Bekenntnis. Es wird dann auch zu Zerwürfnissen kommen. Sie sind nur die Konsequenz aus der Entscheidung für Jesus. Streit soll nicht gesucht werden, aber Christin und Christ können ihm nicht aus dem Weg gehen. Hinter dem Bericht des Lukas steht die Erfahrung der ersten Christinnen und Christen. Sie hatten es in ihrer Umwelt schwer. Wenn Frauen oder Männer sich für Christus entschieden, schüttelten selbst Familienmitglieder den Kopf. Sie verstanden die Entscheidung nicht. Sie hob sich zu deutlich von der heidnischen Tradition der Umwelt ab. So erlebten die Christinnen und Christen der ersten Stunde bitter, wie sich ihre Verwandten von ihnen abwandten und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. Nach ihrer Taufe war Harmonie nicht mehr angesagt. Erst recht, wenn es hart auf hart kam, verfolgte sie der Staat, und viele haben ihr Bekenntnis mit dem Tod bezahlt. Im Evangelium fordert Jesus zwar nicht den Tod des Bekenners, aber dieser Tod kann die Konsequenz sein.

Christ sein ist in Europa nicht (mehr) riskant

Heute gedenkt die Kirche des heiligen Maximilian Kolbe aus Polen. Als junger Mann trat er in einen Franziskanerorden ein. Früh hatte er sich für Christus ent-schieden. Nach diesem Bekenntnis arbeitete und lebte er konsequent, auch nachdem die Nazis seine Heimat besetzt hatten. Wegen seines Widerstandes gegen die Besatzung geriet er in die Fänge der SS. Als im KZ Auschwitz Häftlinge von der Wachmannschaft aussortiert wurden, um getötet zu werden, trat er vor und bot sich für einen jungen Familienvater an. Maximilian Kolbe ging in den Hungerbunker und wurde dort ermordet.

Wir leben in einer anderen Zeit. Sich für Christus zu entscheiden ist bei uns nicht lebensgefährlich. Deshalb kann ich in aller Freiheit meiner Taufe zustimmen und mich zu Christus bekennen. Es ist kein Bekenntnis zu einem lieben Jesulein. Christus bleibt für mich der Gekreuzigte. Am Kreuz hat er nichts von seiner Liebe und Barmherzigkeit eingebüßt, doch seine Leidensgeschichte bewahrt mich vor einer Sehnsucht nach falscher Harmonie. Mit dem Kreuz vor Augen singe ich mit ‚Mir nach, spricht Christus unser Held.‘ Wenn ich ihm nachgehe, ist er in meinem Leben zugleich der König, der mir in allem Streit endgültig den Sieg verleiht. Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit.

Albert Damblon