Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

27.11.2022 - 1.Advent

Unerschließliche Welt

Das 9-Euro-Ticket, das im Sommer erhältlich war, hatte eine ganze Reihe von Vorteilen. Einer davon: Man musste sich nicht mit fremden Fahrkartenautomaten auseinandersetzen und die Frage beantworten, in welcher Zone oder Wabe ich mich denn gerade befinde. Auch das Problem, ob ich denn nun ein Kurzstreckenticket oder eine Streifenkarte kaufen soll, hat das 9-Euro-Ticket erspart. All diese Fragen, die Menschen, gerade wenn sie in für sie fremden Großstädten unterwegs sind, ratlos, verzweifelt oder wütend machen, die stellten sich für ein paar Monate nicht.

Dabei ist das Problem mit dem Fahrkartenautomaten, der sich einem einfach nicht erschließen will, ja auch kein Einzelphänomen. Immer mehr stoßen Menschen an ihre Grenzen, weil die Welt unübersichtlich, unverständlich wird. Im Dschungel von Vorschriften und Regelungen, Anleitungen und Experten, die nur das Beste für dich wollen, da wird die Welt unerschließlich. Die Welt verliert den Sinn, wenn du irgendwann einfach nicht mehr verstehst, was du konkret tun sollst, und du dich fragst: „Sind denn jetzt alle verrückt oder nur ich?“

Verschärft wird das alles durch die Krisen, die unser Leben durchziehen. Die unendliche Geschichte von Corona und weiteren neuen Seuchen und Krankheiten, die bedrohlichen Folgen der Klimakatastrophe, der Tag für Tag mehr Menschen zum Opfer fallen, Fluten und Dürren, Dammbrüche und Brände, und all das nicht nur irgendwo, sondern bei uns. Alles furchtbar komplex, miteinander verwoben, vielen Menschen erscheint die Welt als Raum, in dem sich ständig alles zusammenballt zu dauernden Tsunamis, denen ich als Einzelner praktisch ohnmächtig gegenüberstehe.

Leben im Krisenmodus

Das alltägliche Leben ist für viele zu einem Leben im Krisenmodus geworden. Unvermeidlich und bedrohlich. Wir können uns nicht verkriechen im wohligen Schneckenhaus und abschotten können wir uns auch nicht, so hohe Zäune, so dicke Mauern gibt es nicht. Und schon reden wieder manche von der Apokalypse, der Endzeit, in die wir nun geraten sind und aus der es kein Entkommen gibt.

So weit geht Jesus nicht. Auch er sieht die Welt im Ausnahmezustand. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Sonne und Mond vergehen, Himmel und Erde geraten ins Wanken, das Ende steht vor der Tür. Aber das Ende muss nicht die Katastrophe sein und die Katastrophe, sie muss nicht das Ende sein.

Und sie ist es auch nicht, wenn man sich auf das Richtige besinnt. Genauer gesagt: auf den Richtigen, auf den, den er den Menschensohn nennt. Er ist das Zeichen, das Gott schickt, damit in all dem Katastrophalen, Unfassbaren, Bedrohlichen und Unverständlichen der Mensch nicht die Orientierung verliert. Ein wenig salopp gesprochen und um im Bild vom Ticketautomaten zu bleiben: Es gibt tatsächlich eine Fahrkarte, die dir hilft, und du brauchst nicht erst lange zu suchen. Denn du bekommst sie von eben diesem Menschensohn, Jesus Christus. Mit ihm findest du den richtigen Bus und mit ihm kommst an dein Ziel.

Mit Jesus wird alles gut

So schlicht und ergreifend sich das anhören mag, so naiv wirkt es auch: „Geh zu Jesus, schau auf ihn, und alles wird gut.“ Der Ratschlag klingt simpel und naiv, hat aber eine Krux. Die Krux an dem Ratschlag ist nämlich das, was mit Schauen gemeint ist. Das Evangelium macht klar, dass es mit diesem Schauen nicht um ein unbewegtes Zugucken oder passives Anstarren geht. Das Schauen auf Jesus ist ein engagiertes, aufbruchbereites, es bedeutet den Beginn eines Lernprozesses. Alles kann gut werden mit Jesus, wenn wir uns auf diesen Lernprozess einlassen, wenn wir aus der Passivität und dem Verharren herauswollen und uns tatsächlich dazu überwinden.

Matthäus legt darauf sehr großen Wert und bringt das ins Wort: Seid wachsam und seht die Zeichen; lernt aus dem Feigenbaum und eurer konkreten Erfahrung; seid nicht dumm oder ängstlich. Seid nicht wie die, die nichts ahnten, seid wachsam und erkennt, was zu tun ist, und handelt. Mit großer Dringlichkeit mahnt Jesus dazu, offen, wachsam und bereit zur Aktivität zu sein. Es ist wie sein Hinweis auf die enge Pforte, die Tür, die nicht breit ist wie ein Scheunentor und nicht sperrangelweit offen steht. Nachfolge als Lernprozess, das ist kein Sonntagsspaziergang, ein paar Schritte ins Café und wieder heim. Nachfolge als Lernprozess, das verlangt von mir immer noch ein bisschen mehr. Da ist immer noch Luft nach oben.

Immer bleibt ein Restrisiko, das wird deutlich. Am Ende bist du vielleicht dabei, hast du vielleicht genug getan, vielleicht aber auch nicht. Sicher kannst du dir niemals sein.

Der Blick auf den Nebenmann

Jesus stellt die letztendliche Entscheidung Gottes darüber, ob ich mich nun genügend bemüht, richtig und ausreichend verhalten habe, als fast schon willkürlich dar. Er treibt damit die bedrohliche Stimmung des Evangeliums auf eine fast schon unerträgliche Spitze. Sie tut weh, weil wir doch nur zu gern vom lieben Gott sprechen, der einfach nur alle lieb hat und niemand wehtun will. Das Evangelium beißt sich mit dem, wie wir landläufig von Gott reden, und provoziert sehr.

Es provoziert aber auch zu einem Blick auf den oder die neben mir, ob beim Jüngsten Gericht oder schon hier, jetzt im Gottesdienst, später in der Freizeit, während der Woche auf der Arbeit oder beim Einkaufen. Das Evangelium provoziert, dass ich den oder die neben mir sehe, nicht nur im Vergleich, warum die und warum ich nicht, was kann der und was ich nicht, was wird aus mir und was wird aus meinem Nebenmann, meiner Nebenfrau.

Der Blick auf den Nebenmann und die Nebenfrau gehört zur Berufung dazu, ist wesentlicher Teil des Christseins. Jesus nachzufolgen und auf Gott zuzugehen, ob jetzt im Advent oder auf meinem Lebensweg überhaupt, das ist nichts für Individualisten, die sich nur um ihr eigenes Seelenheil, ihr eigenes Überleben, ihre eigene Ewigkeit kümmern.

Nimm mich mit!

Gerade in einer Zeit, in der viele nicht mehr durchblicken und verzagen, in der sich bei vielen Angst breitmacht, dass sie nicht mehr mitkommen und abgehängt werden, da tut der Blick auf den Nachbarn und die Nachbarin not. Weiß ich denn überhaupt, was sie umtreibt, kümmert mich die Frage, wie es ihm oder ihr geht? Sorgen mich ihre Sorgen? Was ist mit denen, die aufgegeben haben, die sich verkrochen haben, die die Kraft verloren haben und es sich nicht mehr zutrauen? „Schau auf sie und nimm sie mit!“ – das ist in der Botschaft Jesu immer dabei.

Denn so unterschiedlich die Lesungen des Sonntags in ihren Stimmungen auch sind, sie richten sich letztlich nie nur an Einzelne, sondern haben immer viele im Blick. Die Botschaften ergehen im Plural und zeigen so, dass Berufung, Lernprozess und Nachfolge Geschehen im Plural sind. Bei Gott – so formuliert es Edith Stein in einem Vortrag über Erziehung und Eucharistie 1930 – „hört alle Einsamkeit auf und wir wandeln in seinem Licht“.

Advent singen

Die Perspektive, die Stein so prägnant ins Wort bringt, schöpft aus ihrer tiefen Überzeugung, in allem noch so Unberechenbaren und Bedrohlichen von Gott gehalten zu sein. Ohne diese Überzeugung wäre sie auf ihrem Lebensweg mit seinen vielen Härten, der am Ende zum Kreuzweg wird, schon früh zusammengebrochen. Aber Stein bricht nicht zusammen, weil die Überzeugung, von Gott gehalten zu sein, für sie zugleich unbedingten Ansporn bedeutet, dieses gemeinsame Wandeln in Gottes Licht zu wollen und unseren Teil dazu beizutragen, dass es Wirklichkeit wird.

In der Sprache der Zulu im Süden Afrikas besingen die Menschen diese Überzeugung im Lied „Siyahamba“, übersetzt eben „Wir wandeln im Lichte Gottes“. Seit das Lied 1952 zum ersten Mal in Noten erschien, wurde es von vielen anderen Gemeinschaften auch außerhalb Südafrikas aufgegriffen und zum Renner in unzähligen Gemeinden und Schulen. Letztlich wurde „Siyahamba“, das ursprünglich kein Protestlied war, sogar Teil der Kampagne gegen die Apartheid. Bis heute ist es eines der Lieder, die gesungen werden, wo Menschen sich einsetzen für notwendige Veränderungen, einen guten Wandel der Welt, hin zu einem guten Leben für alle.

So lässt sich „Siyahamba“ auch als Adventslied verstehen und singen, ein Adventslied im besten Sinn des Wortes. Denn es singt nicht mehr und nicht weniger als von einem Advent, der uns allen guttut. Es ermutigt uns auch dazu, einzustimmen in diese Zeit, miteinander die Lieder dieser Zeit zu singen. Die Lieder, die davon künden, dass Gott ankommt. Die in schönen und Mut machenden Bildern davon erzählen, dass dort, wo er ankommt, Leben erwacht und Gerechtigkeit geschieht, Frieden wächst und Weihnachten wird, für mich und dich, den Nebenmann und die Nebenfrau.

Joachim Feldes